Corinne - SWS - Sozialwerke Pfarrer Sieber

Bewohnerin Brothuuse

Corinne

Corinne (41) lebt in Brothuuse. Dort fühlt sich sie sich wohl. Die gelernte Kauffrau versucht hier, ihr Leben neu zu ordnen und Ruhe zu finden. An die Zukunft hat sie bescheidene Erwartungen.

„An Brothuuse schätze ich das viele Holz und die grossen Fenster, die viel Licht herein lassen. In seiner Atmosphäre erinnert mich diese Siedlung an das Ur-Dörfli, als es noch in Urdorf stand. Das Zusammenleben der Menschen hier muss sich zuerst noch einspielen. Wir sind eine zusammengewürfelte Gemeinschaft. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir das hinbekommen. Etliche Bewohner kenne ich von früher, als ich noch auf der Gasse lebte. Aufgewachsen bin ich in behüteten Verhältnissen in Zug zusammen mit einem Bruder und einer älteren Schwester, die mit sechs Jahren aber tödlich verunglückte. Irgendwie kamen meine Eltern nicht über diesen Tod hinweg und projizierten viele idealisierte Züge meiner Schwester in mich hinein. Ich sollte so sein wie sie war. Das überforderte mich. Ich begann dagegen zu rebellieren. Weil es in Zug für Jugendliche keine Ausgehmöglichkeiten gab, ging ich mit meiner Clique immer häufiger nach Zürich in den Ausgang. Dort kam ich mit Drogen in Kontakt. Meinen Eltern entging das nicht und sie veranlassten, dass ich einen Drogenentzug machte. Der brachte nichts. Bald konsumierte ich wieder.

Nach einer KV-Lehre bei einer Baufirma in Zug zog ich von zuhause aus und ging nach Zürich. Es dauerte nicht lange, da war ich vollends in die Drogen abgestürzt und lebte auf der Gasse. Ich erlebte den Horror von Platzspitz und Letten, wo ich auch erstmals mit Pfarrer Sieber in Kontakt kam. Für mich ist er ein wahrer Menschenfreund. Er und die Mitarbeiter in seinen Sozialwerken nahmen und nehmen uns Drogenabhängige als Menschen wahr, nicht wie die Sozialämter, für die wir meist nur verwaltungstechnische „Fälle“ sind. Ernst Sieber rechne ich besonders hoch an, dass er das, was er für Arme, Obdachlose und Süchtige tat, nicht um des Geldes Willen machte. Heute sind es die Leute der Sozialwerke, die in seinem Sinn für uns da sind. Ganz wichtig finde ich die Kältepatrouillen im Winter. In anderen Ländern gibt es so etwas nicht. Dort leben auch Leute auf der Strasse – und sterben oft dort. Ich wünsche Pfarrer Sieber, dass er 90 Jahre alt wird oder älter.

Es wäre schön, wenn ich meinen 50. Geburtstag erleben dürfte.Corinne

Für mich selbst erhoffe ich, dass ich meinen 50. Geburtstag erleben darf. Und dass ich ab und zu zusammen mit meinem Freund Tagesausflüge in die Berge unternehmen kann. Ich liebe die Natur. Sie ist so wunderschön und gibt mir Zuversicht. Ob ich allerdings nochmals einen Entzug machen werde, weiss ich nicht. Ich habe Angst, erneut zu scheitern. Wenn man schon zehn Drogenentzüge hinter sich hat, wird ein Erfolg irgendwann unrealistisch. Dann hat sich das Scheitern tief ins Unterbewusstsein gegraben. Gescheitert bin ich daran, dass ich nach den Entzügen jeweils wieder in mein altes Gassenumfeld kam. Da konnte ich nicht anders als wieder in die Drogen zu rutschen. Das ist wohl der Grund bei vielen, die nach einem Entzug wieder abstürzen. Nur wenn es gelingt, ein neues Umfeld aufzubauen, besteht die Chance auf Erfolg. 

Hier in Brothuuse möchte ich mein Leben ordnen und sehen, was ich noch erreichen kann. Mein Ziel ist es, einmal ohne Beikonsum von Drogen nur noch mit Methadon leben zu können."

infografik
30 Menschen wohnten in der Notwohnsiedlung Brothuuse. 54.2 % davon sind ausgetreten und wohnen jetzt selbständig.

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