Christian - SWS - Sozialwerke Pfarrer Sieber

Drogenkrank

Christian

Christian (48) hat den Platzspitz erlebt – und überlebt. Auch dank Pfarrer Ernst Sieber und seinen Helfern. Heute kämpft Christian mit allerlei körperlichen Gebrechen und gegen die Einsamkeit.

Ich wundere mich immer wieder, dass ich überhaupt noch am Leben bin. Viele meiner Freunde sind längst tot. Dabei bin ich ein Sprenzel und viele von ihnen waren körperlich kräftiger. Aber das liegt vielleicht an den Genen. Mein Grossvater verstarb erst kürzlich im Alter von 106 Jahren. Vor sechs Jahren waren wir noch gemeinsam nach Südafrika zu einem Verwandten geflogen.

Begonnen hat mein Drogenkonsum an der Oberstufe in Seebach. Drogen kamen in den 1970er-Jahren in Mode. Ich wollte auch dazugehören und probierte dies und jenes. Von Haschisch bis zu Heroin und Kokain testete ich alles. Nicht, um Frust zu übertünchen, sondern aus Freude am Genuss und aus Neugier. Das wurde mir zum Verhängnis. Ich konnte zwar eine vierjährige Lehre als Maschinenmechaniker bei Bührle abschliessen und baute dort Panzer, später im Berner Oberland Seilbahngondeln. Doch der Drogenkonsum beendete meine Laufbahn. Ich landete im Drogenmilieu, von wo ich nicht mehr wegkam. Ich kannte die Drogenszenen der Riviera, des Hirschenplatzes, dann des Platzspitzes und schliesslich die Drogenhölle des Letten. Heute gibt es keine Szene mehr, nur noch die Gasse und ihr Elend der Vereinsamung.

Ich weiss nicht, wo ich heute ohne die Sieber-Leute wäre.Christian

Auch wenn es mir angesichts meiner Drogenkarriere noch erstaunlich gut geht – ja, ich überhaupt noch lebe –, spurlos ist der Konsum nicht an mir vorbeigegangen. Ich merke es im Alter immer mehr. Die Gebresten nehmen zu. Immer wieder muss ich, der ich sonst in einem Wohnheim zuhause bin, in den Sune-Egge, um mich behandeln zu lassen. Vor ein paar Jahren wurden mir meine körperlichen Schwächen drastisch bewusst. Wegen einer Infektion verlor ich meinen rechten Arm. Etwas Gutes hatte das immerhin: Ich begann mich zu fragen, was ich denn im Leben eigentlich noch will. Das ist mir inzwischen klar. Ich möchte ganz weg kommen vom Drogenkonsum. Heroin nehme ich zwar keines mehr, das habe ich geschafft. Aber Methadon brauche ich nach wie vor. Und gelegentlich Kokain. Ob ich den Ausstieg noch schaffe, weiss ich nicht. Manchmal verzweifle ich, verliere die Hoffnung. Gerade an regnerischen Tagen.


Dann machen mir die Mitarbeiter im Sune-Egge Mut. Überhaupt weiss ich nicht, wo ich ohne Ernst Sieber und seine Leute heute wäre. Damals, vor 25 Jahren auf dem Platzspitz, waren sie es, die mich aus dem Dreck holten. Sie quartierten mich und andere im Keller des Hauses Konradstrasse 62. Aus Dank dafür strichen wir Süchtigen tagsüber die Wände und Decken. Das Engagement jener Helfer war ergreifend. Die Atmosphäre war familiär, wie sie es heute leider nicht mehr ganz ist. Gleich geblieben ist die ehrliche Annahme von uns Süchtigen als Menschen. Das ist auch heute noch der grosse Unterschied zu anderen Spitälern. Dort gibt man mir klar zu verstehen, dass ich ein Junkie bin und Abschaum. Ich bereue meine Fehler, aber klagen mag ich nicht.

 

infografik
1'503 ambulante Behandlungen wurden im Fachspital Sune-Egge durchgeführt. Zudem wurden 43 Methadonpatienten betreut.

Newsletter abonnieren

Einfach E-Mail eintragen - unser Newsletter erscheint 4x jährlich.
Eintragen