Andreas Jäggi - SWS - Sozialwerke Pfarrer Sieber

Koch ur-Dörfli

Andreas Jäggi

Andreas Jäggi arbeitet seit 2003 bei den Sozialwerken Pfarrer Sieber. Der gelernte Koch sorgt im Ur-Dörfli dafür, dass die Bewohner mit ausgewogener Kost zu Kräften kommen. Ausgleich zur anspruchsvollen Arbeit mit Süchtigen findet er in der Steinbildhauerei.

Andreas Jäggi ist keiner, der sich beklagt, wenn es viel zu tun gibt. Und er hält seinem Vorgesetzten auch nicht jede Minute Überzeit vor, die er leistet. Als eines von 14 Geschwistern musste er auf dem elterlichen Hof schon früh kräftig anpacken. „Das hat mich sicherlich geprägt“, sagt er. Dennoch kann es auch einem wie Andreas Jäggi zu viel werden. Bevor er zu den SWS kam, führte der gelernte Koch zusammen mit einem Kollegen während neun Jahren das Restaurant im Brahmshof, der Siedlung für gemeinschaftliches Wohnen des Evangelischen Frauenbundes Zürich. „Da war es normal, dass ich zwischen 12 und 15 Stunden am Tag arbeitete“, erinnert sich der Mann mit den sanften Augen. Die vielen Gäste, die extra wegen ihm und seiner Kochkunst ins Restaurant kamen, beflügelten den leidenschaftlichen Gastgeber. Er organisierte Konzerte von Künstlern wie Gigi Moto und sorgte dafür, dass der Brahmshof zu einem Treffpunkt im Quartier wurde. Nach neun Jahren bezahlte Jäggi aber die Zeche für den Raubbau an seiner Gesundheit. „Ich war völlig ausgelaugt.“ Sich und seiner Familie zuliebe hörte Jäggi auf und sah sich nach einer Anstellung mit etwas geregelteren Arbeitszeiten um.

Gelernt, Nein zu sagen

Ein Inserat der SWS, die für das Ur-Dörfli einen Koch suchten, liessen dem in Baar Aufgewachsenen keine Ruhe. „Ich meldete mich und bekam die Stelle.“ Weil in der Suchthilfeeinrichtung damals auch andere Personalwechsel über die Bühne gingen, bedeutete das Engagement für Jäggi statt einer sukzessiven Einarbeitung einen Kaltstart. Er musste die Küche vom ersten Tag an selber führen. Zugleich war er Verantwortlich für die Drogenkranken, die in der Küche arbeiteten. Eine schwierige Aufgabe. „Ich war schon bald wieder im alten Fahrwasser“, erzählt er. Endlose Arbeitstage, intensive Betreuung und ein turbulenter Betrieb: Für Andreas Jäggi schien sich die Geschichte zu wiederholen. Es kam nicht soweit. „Aus meiner Geschichte hatte ich gelernt, Nein zu sagen“, erklärt Jäggi, „das war der entscheidende Unterschied.

Mit Drogenkranken in der Küche zu arbeiten ist enorm anspruchsvoll.Andreas Jäggi

In der Küche herrscht Zeitdruck

Heute hat der Vater zweier bald erwachsener Kinder die richtige Mischung aus Engagement und Distanz gefunden. Die Tage im Ur-Dörfli sind nach wie vor intensiv und verlangen von allen Angestellten enormen Einsatz. Auch vom Küchenchef. „In der Küche arbeiten Drogenkranke mit, was enorm anspruchsvoll ist“, sagt Jäggi. Er betont aber, dass er nur Bewohner mit Küchenmessern und -maschinen hantieren lasse, die über eine gewisse psychische Stabilität verfügten. „Alles andere wäre unverantwortlich“, so Jäggi. Dennoch steht er stets unter Spannung. Die Küche ist der einzige Ort im Ur-Dörfli, wo unter Zeitdruck gearbeitet wird. „Wenn wir auch nur fünf Minuten zu spät dran sind, gibt’s unter den Bewohnern bereits beträchtliche Unruhe. Das mag irritieren, gehört aber zu den Merkmalen der Drogensucht. Süchtige können nicht warten, sie sind ungeduldig.“

Ein Ohr für alle

Andreas Jäggi hat gelernt, mit den Umständen und Menschen zurechtzukommen. Er schätzt es, wie die Bewohner direkt und ungeschminkt über sich, ihr Leben, ihre Ängste und Hoffnungen sprechen. „Wer einmal so tief gefallen ist, wählt den direkten Weg und pfeift auf die Etikette“, weiss er. Viele Ur-Dörfli-Bewohner suchen den ausgeglichenen Küchenchef als Klagemauer und Gesprächspartner. Für Jäggi ein schöner Vertrauensbeweis. Er nimmt sich für die Bewohner wenn immer möglich ebenso Zeit wie für gelegentliche Besucher aus Pfäffikon, die „ihr“ Hotel Bahnhof wieder einmal von innen sehen wollen. Bis die SWS 2010 mit dem Ur-Dörfli nach Pfäffikon ins Backsteingebäude vis-à-vis des Bahnhofs zogen, gingen im Hotel mit seinem grossen Saal Gemeindeversammlungen und Theateraufführungen über die Bühne, fand ein Grossteil des Gemeindelebens hier statt. Die Verbundenheit der Pfäffiker mit dem „Bahnhöfli“ scheint in gelegentlichen Besuchen auf. Gerne macht Andreas Jäggi solchen Gästen einen Kaffee und hört sich ihre Geschichten an. Ausgleich zur intensiven Arbeit in der Suchthilfeeinrichtung findet Jäggi in der Steinbildhauerei. „Dem Stein eine Form abzuringen, hat für mich etwas Erholsames und Meditatives“, sagt der Ur-Dörfli-Koch. In der Bildhauerei findet er immer wieder die Kraft, dies es braucht, um den drogenabhängigen Bewohnern des Ur-Dörfli täglich zu kräftigenden Mahlzeiten zu verhelfen.

infografik
58% erfolgreiche Austritte verzeichnet die Suchthilfeeinrichtung Ur-Dörfli.

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