Pfarrer Ernst Sieber - SWS - Sozialwerke Pfarrer Sieber

Pfarrer Ernst Sieber

Pfarrer Ernst Sieber engagiert sich seit über 60 Jahren für die sozial Schwächsten unserer Gesellschaft. Seinen Einsatz führt er mit grossem Herzen und enormem persönlichem Einsatz.

Ernst Sieber, geboren am 24. Februar 1927 in Horgen, begann seine berufliche Laufbahn als Bauernknecht im Welschland und absolvierte die Landwirtschaftliche Schule Strickhof, welche er 1947 erfolgreich abschloss. 1950 erlangte er auf dem zweiten Bildungsweg die Matura. Er entschloss sich zum Studium der Theologie, das er 1956 mit der Ordination beendete. Schon als Vikar, Gemeinde- und Anstaltspfarrer setzte sich der heute weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannte Pfarrer unermüdlich für die Menschen am Rande unserer Gesellschaft ein. Nach seiner Amtszeit von 1956 bis 1967 in Uitikon-Waldegg wurde er 1967 Pfarrer in Zürich-Altstetten, wo er bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1992 tätig war. 1987 wurde ihm von der Universität die Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät verliehen. In den Jahren 1988 bis 1992 war er Dekan der Stadt Zürich, links der Limmat, und von 1991 bis 1995 Nationalrat.

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Erste Obdachlosengemeinschaft am Helvetiaplatz

Seit 1948 pflegt der engagierte Frontmann Kontakt zu Obdachlosen. Im Seegfrörni-Winter 1963 entstand die erste Obdachlosengemeinschaft im Bunker am Zürcher Helvetiaplatz. Dort wurde der Grundstein gelegt für alle weiteren Dorfgemeinschaften, die im Laufe der Jahrzehnte noch folgen sollten. Bis zum heutigen Tag initiierte er zahlreiche Einrichtungen in den Bereichen Seelsorge, Drogen- und Obdachlosenarbeit, Sozialmedizin, Entzug und Therapie. All diesen Einrichtungen liegt die Überzeugung zugrunde, dass die Betroffenen als Partner in die Arbeit miteinbezogen werden müssen. Oder, wie Pfarrer E. Sieber dies formuliert: „Wir müssen den von uns betreuten Menschen, diesen in ihrem tiefsten Innern Getroffenen und Betroffenen, zeigen, dass wir an sie glauben. Nicht mit leeren Worten, sondern mit Taten, mit gelebter Liebe. Geben kann diese Liebe nur, wer selbst einen Sinn im Leben sieht und aus dem Wort Christi Kraft schöpft.“

Wir müssen den Menschen zeigen,
dass wir an sie glauben
Pfarrer Ernst Sieber

Eine Familie in der Familie

Pfarrer E. Sieber ist verheiratet mit der Sängerin Sonja Sieber-Vassalli und hat mit ihr vier eigene und vier angenommene Kinder grossgezogen. Die Stiftung Sozialwerke Pfarrer Ernst Sieber, die 1988 gegründet wurde, umfasst heute zahlreiche Betriebe mit rund 170 Mitarbeitenden. Weitere ideell der Stiftung zugewandte, rechtlich selbständige und seinerzeit von Pfarrer Ernst Sieber gegründete Einrichtungen beschäftigen weitere 60 Mitarbeitende. Zahlreiche Publikationen, unter anderem die drei mehrfach aufgelegten Bücher „Menschenware – wahre Menschen“, „Platzspitz – Spitze des Eisbergs“ und „Licht im Tunnel“ zeugen von der beharrlichen und erfolgreichen Arbeit an der Basis zugunsten der Ausgegrenzten und Notleidenden unserer Gesellschaft.

Fünf Thesen und Appell an die Kirchen und an die Öffentlichkeit

Die nachfolgenden Grundlagen sind nicht von heute auf morgen entstanden, sondern sie sind gewachsen aus dem Erfahrungsfeld jahrzehntelanger Arbeit im unmittelbaren Kontakt mit leidenden Menschen. Die Hilfe war nie begrenzt auf einzelne Gruppen, sie soll allen zukommen, die sie nötig haben. Wie schon in den Statuten im Zweckartikel erwähnt, ist das Ziel unserer Arbeit, Menschen in Not, wie Mittellosen, psychisch und physisch Leidenden, sozial Geschädigten, Heimatlosen und Flüchtlingen und Suchtkranken, seelsorgerliche, soziale, medizinische und wirtschaftliche Hilfe angedeihen zu lassen.

I. Die Sozialwerke sind ökumenisch ausgerichtet und stehen der evangelischen Landeskirche nahe.

Das heisst für die konkrete Arbeit, Umsetzen der biblischen Botschaft in den Alltag. Dies wiederum bedeutet Diakonie. Jesus hat für die gottesdienstliche Aufgabe seiner Jünger das Wort Diakonia verwendet. Es war zu jener Zeit ein völlig weltliches Wort, weder abgehoben, noch theoretisch, sondern praktisch-konkret. Christus und die ersten Christen haben im Wort ′dienen′ den Einsatz ihrer Gaben und Möglichkeiten gesehen. Sie erlebten die freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit durch die Bereitschaft für andere da zu sein. So sagt Jörg Zink (Theologe und Bibelübersetzer) in diesem Zusammenhang: „Gott dienen - die einzige Vorschrift für Freie. Darum müssen wir wohl heute, wenn wir miteinander im Dienst stehen, zuerst befreit werden aus unseren falschen Verhaltensweisen und Vorstellungen und offen werden für die anderen Menschen, die neben uns stehen.“

II. Die Sozialwerke sind in der Seelsorge wie auch in der gesellschaftspolitischen Diakonie tätig.

Die biblische Botschaft orientiert sich am privaten Heil des Menschen (Heilsgeschichte) ebenso wie an der politischen und sozialen Situation unserer Gesellschaft (personale versus gesellschaftliche Diakonie). Die Sozialwerke sind in beiden Bereichen, in der Seelsorge wie auch in der gesellschaftspolitischen Diakonie, tätig. In der Seelsorge meint Diakonie Hilfe in besonderer Not des Einzelnen. Der einzelne Mensch steht aber nie nur für sich allein, sondern ist eingebettet in ein gesellschaftliches Umfeld und so rückt unweigerlich auch die Gesellschaft als ganze mit ihren Nöten und Fehlentwicklungen ins Blickfeld. Gesellschaftsbezogene Diakonie heisst: Gesetze und Strukturen der Gesellschaft, Prozesse des Wandels sowie den Einfluss von politischer und wirtschaftlicher Macht erkennen und darauf einzuwirken, sei es auf der personalen oder gesellschaftspolitischen Ebene.

III. Der Mensch ist Gottes Ebenbild, also ist der leidende Mensch, dem wir Hilfe bieten, immer Partner.

Es geht um die Imago Dei, die Ebenbildlichkeit des Menschen, wie sie zum Beispiel im 2. Korintherbrief (2. Kor. 3,18) formuliert ist: „Wir alle spiegeln die Herrlichkeit des Herrn wieder und werden in dasselbe Bild verwandelt.“ Doch die Imago Dei ist nicht einfach nur Ab-Bild. Imago Dei meint den Ruf Gottes und die Antwort des Menschen darauf. Die Ebenbildlichkeit drückt eine ganzheitliche Beziehung und Orientierung zu Gott hin aus. Es gibt keine Trennung zwischen etwas „Eigenem“, Individuellem und etwas, das von „aussen“ dazu kommt. So ist Gott auch nie nur der Zuschauende, sondern in uns selber der Handelnde. In dieser Verantwortung steht unsere Arbeit am Nächsten. Leidende Menschen sind Partner. Wir arbeiten mit ihnen und nicht für sie. Wir sehen sie als mündige Menschen mit einem grossen Potenzial an Eigenverantwortlichkeit, das es zu wecken und zu fördern gilt. Auf dieser Grundlage stehen die Konzepte der einzelnen Betriebe.

IV. Der Staat wird je länger je weniger die sozialen Probleme alleine lösen können.

Zur Bewältigung der immer komplexer werdenden Probleme Einzelner oder ganzer Gruppen sind private und öffentliche Träger dringlich notwendig. Private Einrichtungen entlasten den Staat sowohl hinsichtlich der Kosten wie auch der Gesamtverantwortung leidenden Menschen gegenüber. Ihr soziales Auffangnetz ist oft feinmaschiger und dehnbarer! Die Stärke privat geführter Unternehmen liegt darin, in akuten Notlagen schnelle und im wahrsten Sinne des Wortes unbürokratische Hilfe zu gewähren. Das Suchen von flexiblen und kreativen Lösungen, wenn es um die wirklich Letzten in unserem Land geht, schliesst aber Kooperation und Koordination mit öffentlichen Einrichtungen nie aus. Als Beispiel möge hier die Fusion zwischen Sune-Egge und Krankenzimmer für Obdachlose stehen. Diese gelungene Verbindung zwischen einer privaten Trägerschaft und der Stadt Zürich zeigte, dass der Sune-Egge seine Identität, also seine Ecken und Kanten, nicht verlor! Vielmehr entstand ein gemeinsames Kompetenzzentrum im Bereich der niederschwelligen medizinischen Versorgung.

In einer Zeit, in der die Reichen immer reicher werden und gleichzeitig aber der Bedarf an Sozialhilfe steigt, sind private Trägerschaften ganz besonders gefordert. So leistet die SWS etwa Überbrückungshilfe bis eine staatliche Unterstützung greift oder sie ist gefordert in der Motivationsarbeit, damit überhaupt öffentliche Hilfe in Anspruch genommen wird. Die Scham ist oft immer noch grösser als die Not! Wir fördern aber nicht nur den Mut, öffentliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, sondern sind mit der ehemaligen Zürcher Stadträtin Monika Stocker einig, die sich keinen „Versorger-Staat“ wünscht. Ganz im Sinne von These 3, wo es um Partnerschaftlichkeit zwischen Betroffenen und Betreuenden geht, sollen die Betroffenen auch bereit sein, einen Beitrag zur wirtschaftlichen Selbstständigkeit und zur sozialen Integration zu leisten. Dies aber geht nur, wenn eben diesen Betroffenen Raum gewährt wird, in dem sie diese sozialen Kompetenzen (wieder) erlernen können. In unsere Zeit gehört auch die Tatsache, dass psychische und psychosomatische Leiden zunehmen. Im Kanton Zürich nahm die Zahl der Psychiatriepatienten seit 1991 um rund 40 Prozent zu. Laut Statistiken wird jeder dritte Schweizer im Laufe seines Lebens einmal psychisch krank. Drei Viertel aller Akutpatienten in den psychiatrischen Kliniken sind erwerbslos. Viele Kranke kommen aus anderen Kulturkreisen und haben mit Migrationsproblemen zu kämpfen. So ist es Ziel unserer Arbeit, nebst der konkreten (Sach-)Hilfe immer auch geistig-seelsorgerliche Unterstützung und Begleitung anzubieten.

V. Diakonische Arbeit ohne Kultur ist wie ein Teig ohne Hefe.

Kultur geht über Worte hinaus und eröffnet Leidenden dadurch die Möglichkeit, sich anders auszudrücken als über die Sprache. Wie oft haben wir in unserem Chor der „Young Preachers“ gesehen, wie befreiend und heilsam das Singen mit anderen wirken kann. Zentral ist der liturgisch-musikalische Rahmen, den die Jethro Sieber Jazzband bei Andachten anbietet. Oder das Malatelier im Sune-Egge: wie hilfreich kann es sein, sich über den Pinsel mit seiner Krankheit, mit akuten oder chronischen Fragen und Problemen zu beschäftigen.

Appell an die Kirchen und an die Öffentlichkeit

Gesellschaftliche und finanzielle Schwierigkeiten könnten heute die Kirchen veranlassen, ihre diakonischen Dienste ausserhalb der eigenen Grenzen abzubauen und sich in die eigenen Mauern zurückzuziehen. Dies mit dem Hinweis, dass die geistliche, seelische und körperliche Not einzelner und ganzer Gruppen nur innerhalb der Gemeinde zum ursprünglichen Bereich der Diakonie gehören. Es sei schliesslich Sache des Staates und anderer Organisationen, die menschliche Not ausserhalb der Grenzen der Kirchen zu beheben. Mag wohl sein, dass der Rückzug aus den diakonischen Aufgabenbereichen gut überlegt und geplant wird, indem man unterscheidet zwischen diakonischen Aufgaben, die vom theologisch-kirchlichen Standpunkt aus gesehen besondere Aktualität besitzen, und anderen diakonischen Aufgaben, die unbeschadet vom Staat und anderen Organisationen übernommen werden können. Zweifellos gibt es heute soziale Aufgaben und Projekte, die eine dermassen augenfällige biblische Nähe besitzen, dass eine Kirche, die ihrem Herrn Jesus Christus und sich selber treu bleiben will, gar keine andere Wahl hat, als sich dieser Aufgabe anzunehmen. Wir kommen nicht umhin zu berücksichtigen, dass die Kirchen immer nur begrenzte Hilfe anbieten können und sie also darauf Bedacht ist: Zeichen zu setzen.

In meinem Appell geht es mir nicht zuerst um die Frage, welche Werke kirchlich-spezifisch sind und welche nicht, sondern es geht mir um den grundsätzlichen Stellenwert der Diakonie im Raum der Kirchen und ihrer Theologie. Ohne Diakonie verlieren die Kirchen in unserer Welt den Boden unter den Füssen. Diakonie und Verkündigung, Wort und Tat, bleiben die wichtigsten Ausdrucksformen kirchlich-weltlicher Existenz.

Je mehr sich unsere Kirchen in dieser Welt um Menschen in Not kümmern, umso weniger brauchen sie sich um ihre eigene Existenz zu sorgen. Denn mit ihrer Treue zur Diakonie werden unsere Kirchen auch damit rechnen dürfen, dass es in unserer Bevölkerung eine neue Welle gibt für ein Engagement ohne Gage. Eine dienende Kirche wird in einem Staat, der das christliche Gedankengut zu seiner Grundlage zählt, beides empfangen dürfen: Geist und Geld.

Der Materialismus und die Zweckrationalität unserer Zeit führen dazu, schwächere, seelisch und körperlich leidende Menschen auszugrenzen. Die Randgruppenbildung ist deshalb eine Tatsache. Gesellschaft und Kirchen sind aufgerufen, die Solidarität mit den Schwachen zu leben. Insbesondere erneuern sich die Kirchen nur, wenn sie schwache und kranke Menschen in ihre Mitte nehmen. Beide, Kirche und Öffentlichkeit, können nur stark sein, wenn sie bei den Schwachen beginnen.

Die Armut ist auch in unserer Schweiz eine Realität. Seit Menschengedenken hat es Arme gegeben. Als soziale Gruppe gehören die Obdachlosen zu den Armen, und ihre Geschichte ist die Fortsetzung der Geschichte der Armut, die durch alle Jahrhunderte hindurch führt. Die Bibel ist ein Buch auch für die Armen, denn die Botschaft fordert eine Politik, die die Armen nicht bekämpft, sondern sie aufnimmt. Christus will die Solidarität mit den Armen. In diesem Sinne der Aufruf: Mehr Mut zur Armut! Die Kirchen suchen sich heute zu erneuern. Die Christenheit wird sich deshalb intensiver mit dem Heilswerk Jesu Christi auseinandersetzen, um zu empfangen und zu geben: mit Freude und jeder mit seiner Gabe. Zu den wichtigsten Diensten in der Nachfolge gehört die Teilnahme am Schicksal leidender Menschen. Keine Theorie und keine Methode führen dermassen Veränderungen herbei wie dieser Dienst. Die Kirchen brauchen sich nicht der Welt und ihren geistigen Strömungen anzupassen, Christus ist ihr Herr. Das Selbstverständnis der Dienerinnen und Diener wird wohl am besten ausgedrückt mit dem Satz Lukas 17,10: „Wir sind unnütze Knechte; wir haben nur getan, was wir zu tun schuldig waren.“

Ernst Sieber, Pfarrer

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