Stefanie - SWS - Sozialwerke Pfarrer Sieber

Stefanie

Wenn Stefanie spricht, wechselt sie fliessend zwischen Deutsch, Französisch und Englisch. Ihre grossen, graugrünen Augen blicken einen dabei aufmerksam an. Es scheint nicht zu passen, dass die herzliche, ehemalige Kunstgeschichte-Studentin in eine Alkoholsucht abgerutscht ist. Die Einblicke, die sie in ihr Leben gewährt, stimmen nachdenklich.

„Meine Mutter ist Belgierin, mein Vater Schweizer. In der Schweiz besuchte ich französische und englische Privatschulen und machte auch meine Matura. Anschliessend ging ich nach London, um Kunstgeschichte zu studieren. Ich wurde Teil der alternativen Szene, des „London Underground“ und kam in Kontakt mit Drogen. So konsumierte ich Ecstasy, kiffte und trank. Dadurch entwickelte sich eine Depression bei mir, und ich musste das Studium in England beenden und in die Schweiz zurückkehren. Doch die Sucht folgte mir.

Egal wo ich lebte, und das waren viele verschiedene Orte – Seattle, Toulouse, Brüssel, Israel, später wieder in der Schweiz – ich trank und kiffte. Tags darauf konnte ich mich meist nicht mehr erinnern, was ich am Abend zuvor erlebt hatte. Ich traute mich auch nicht nachzufragen, denn ich schämte mich dafür, dass ich es nicht mehr wusste.

Vor fünf Jahren, als ich in der Schweiz auf der Gasse lebte und eine Verbrennung am Bein hatte, kam ich in den Sune-Egge, das Suchtspital von Pfarrer Sieber. Meine Wunde wurde behandelt und mein Freund und ich entschieden uns, weiter ins Ur-Dörfli zu gehen, um unser Leben zu verändern. Er ist leider nochmals richtig tief in eine Alkoholsucht abgerutscht und musste einen Entzug machen. Aber ich habe wieder zu mir selbst gefunden. Nach vier Jahren Ur-Dörfli kann ich wieder meine Umwelt wahrnehmen, Menschen beobachten und klar denken. Ich möchte nie wieder im Unklaren darüber sein, was am Abend zuvor passiert ist. Wir alle hier haben selbstzerstörerische Muster. Um diese abzulegen, müssen wir zuerst uns selbst besser kennenlernen und mögen – sagen wir es so: Ich mag mich schon mehr als vor vier Jahren.

Am Anfang waren die Regeln im Ur-Dörfli hart. Man kommt von der Gasse und meint, man habe alles im Griff und könne es selbst hinkriegen. Dementsprechend gefallen einen die Regeln im Haus nicht, die bedeuten, dass man genau weiss, wie der Tag aussieht und was man zu tun hat. Aber es hat mir geholfen, wieder auf die Beine zu kommen. Dieser geregelte Alltag entspricht jedoch nicht dem echten Leben. Im Alltag hat man niemanden mehr, der einem sagt, was man zu tun hat. Dort muss man selbst neue Muster entwickeln. Ich habe gemerkt, dass ich mir eine Beschäftigung suchen muss. Wenn ich hier zum Beispiel in der Küche arbeite, was ich am liebsten tue, denke ich gar nicht daran, das Glas Wein zu trinken, das herumsteht. Ich bin abgelenkt. Aber wenn ich nichts zu tun habe, dann denke ich die ganze Zeit: Oh, ich muss dieses Glas trinken. Wenn man also einen gut strukturierten Alltag hat, dann reicht der, um nicht ständig an die Sucht zu denken. Ich möchte wieder selbstständig sein und mir eine Wohnung suchen, wo ich leben kann – am liebsten mit einem Hund zusammen, denn ich liebe Hunde. Deshalb suche ich aktuell. Leider gibt es viele Vorurteile, wenn man als Bewohner des Ur-Dörfli eine Wohnung sucht. Die Leute wollen einen nicht, halten einen für unzuverlässig. Doch nicht alle Leute, die auf der Gasse gelebt haben, sind schlecht.“

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