Wohnen ist mehr als Sofa und Seife

Viele Menschen sind in Zürich verzweifelt auf der Suche nach einer Wohnung. Eine zu finden ist erst recht aussichtlos, wenn sie randständig sind. Entsprechend viele Anfragen gelangen an uns, die wir Zimmer anbieten. Sozialarbeiterin Clara Kötter weiss, wie schwierig die Abklärung und Aufnahme ist. 

Clara Kötter, wie viele Anfragen für unsere gesamthaft 76 Zimmer erhalten wir jährlich?
Im vergangenen Jahr waren es rund 750.

Kommen Anfragen direkt von Interessierten oder eher von Behörden und anderen Institutionen?
In der Notwohnsiedlung Brothuuse und im teilbetreuten Wohnangebot des Schärme benötigen Menschen oft nur punktuelle Unterstützung. Für solche Plätze rufen Suchende meist selbständig an. Allerdings ist gerade die Kontaktaufnahme mit Obdachlosen manchmal erschwert. Teilweise können sie nicht vom eigenen Handy aus anrufen und benötigen Unterstützung. Menschen, die sich für das vollbetreute Angebot interessieren, werden oft durch Sozialarbeitende oder Fachpersonen unterstützt.

Verhandeln dann die Fachleute für die Suchenden?
Schon vor einem persönlichen Kennenlernen ist uns wichtig, dass wir mit der betroffenen Person selbst sprechen können und nicht nur mit Fachleuten. Uns ist es wichtig, Betroffenen unser Angebot vor einem Kennenlernen zu erklären, damit sie wissen, was sie erwartet und worauf sie sich einlassen. Zudem wollen wir damit verhindern, dass Fachleute bevormundend entscheiden, was der passende Ort für die Zimmersuchenden ist. Unsere Angebote basieren auf Freiwilligkeit.

Wir haben ja diverse Betriebe mit Zimmerangeboten. Wo melden sich die Leute?
Seit 2023 haben wir die Triage-Stelle «Anfragen und Aufnahmen». Die Stelle gab es vorher nicht, jeder Wohnbetrieb hatte die eigenen Aufnahmen bearbeitet. Entsprechend umständlich war das Prozedere für Zimmersuchende.

Was ist die Hauptaufgabe bei der Triage-Stelle?
Zunächst müssen wir versuchen, die Situation der Person zu verstehen, die sich meldet. Dann müssen wir herausfinden, ob es bei uns in der Stiftung ein passendes Wohnangebot gibt. Sollte das nicht der Fall sein, geben wir Empfehlungen zu Alternativen. Haben wir selbst ein passendes Angebot und freie Plätze, vereinbaren wir ein Kennenlerngespräch in den Betrieben vor Ort. Sollte es zu einem Eintritt kommen, klären wir die Finanzierung und organisieren alles Administrative für den Eintritt.

Was gilt es bei der Zimmervergabe zu berücksichtigen?
Wir müssen herausfinden, ob wir das passende Angebot für die Hilfesuchenden sind. Es bringt nichts, wenn Leute zu uns kommen und nach kurzer Zeit wieder gehen wollen oder müssen und dann wieder am Anfang stehen. Die anfragenden Menschen müssen in der Schweiz gemeldet und eine Finanzierung muss gegeben sein. Je nach Angebot benötigt es mehr oder weniger Wohn- und Selbstkompetenzen. Betroffene wohnen in Wohngemeinschaften und müssen daher mit anderen Leuten zusammenleben können und wollen. Das ist eine grosse Herausforderung.

Macht es dir zu schaffen, dass du nicht alle Anfragen positiv beantworten kannst?
Natürlich. Es ist gar nicht schön, Menschen einen negativen Entscheid mitzuteilen, mit dem Wissen, dass sie auf der Strasse oder in der Notschlafstelle schlafen müssen. Bei vielen ist der Leidensdruck enorm hoch. Durch meine Ausbildung habe ich aber gelernt, solche Situationen auszuhalten und Abstand zu nehmen. Und umso schöner ist es, Hilfesuchenden mitteilen zu können, dass sie bei uns aufgenommen werden. 

• Die Fragen stellte Walter von Arburg