Peter und seine Rose ziehen einmal mehr um
Es gibt ein altes Gedicht des Priesters und Mystikers Angelus Silesius: Die Ros’ ist ohn’ Warum; sie blühet, weil sie blühet, sie acht’ nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie sihet.
Ich denke daran, wenn ich Peters Rosen sehe. Peter habe ich vor langer Zeit in unserer Notwohnsiedlung kennengelernt, sein Alter ist schwer zu schätzen. Er freut sich immer über Besuch, hat ein ansteckendes Lachen, und es ist leicht, mit ihm ins Gespräch zu kommen.
Ursprünglich hat er Automechaniker gelernt, doch als Bauernsohn sei es ihm irgendwann zu eng geworden, immer drinnen zu arbeiten. So wechselte er in den Strassen- und Tiefbau, hinaus ins Freie, bei Wind und Wetter. Heute, sagt er, habe er kein Gefühl mehr in seinen Händen und zeigt mir die Stellen, an denen Sehnen und Knochen seiner wettergegerbten Hände Schaden genommen haben. Dabei lacht er, als wäre das alles nicht der Rede wert.
Schliesslich musste er die Arbeit aufgeben. Als alleinerziehender Vater ohne Einkommen gelang es ihm irgendwann nicht mehr, eine Wohnung für sich und seine Tochter zu finden. So kam er als letzte Zuflucht nach Brothuuse – in unsere Notwohnsiedlung. Und blieb. Ein Bild von Pfarrer Sieber, der ihn damals noch persönlich aufgenommen hatte, begleitet ihn seither, fast wie ein Schutzheiliger.
Irgendwann kaufte sich Peter im Coop eines dieser kleinen Rosentöpfchen, die am Eingang oft kurz vor dem Vertrocknen stehen. Während eine eigene Unterkunft weit jenseits des Möglichen schien, wuchs die kleine Pflanze, umsichtig von ihm gepflegt. Ich muss an all die Pflänzchen denken, die meinem fehlenden Talent bereits zum Opfer gefallen sind.
Im letzten Jahr fand Peter schliesslich eine kleine Wohnung in einer Siedlung. Seine Rose durfte mit. Für alle, die ihn kannten, war es ein Fest, ein kleines Wunder. Als ich ihn besuche, erzählt er mir beiläufig, dass er nächstes Jahr wieder ausziehen muss: Die in die Jahre gekommene Siedlung wird abgerissen.
Ich bin wie vom Donner gerührt: Die lange Suche, die Freude über das eigene Zuhause – und nun alles wieder von vorn. Peter nimmt es leicht, vielleicht kennt er es nicht anders, vielleicht hat er dem Glück nie ganz getraut: Er stehe wieder auf verschiedenen Wartelisten, das werde schon klappen, sagt er.
Peters Rosenstock reicht mir inzwischen bis zur Schulter, er hat ihn in einen grossen Topf umgepflanzt. Es scheint mir ein Geheimnis von Peters unverbrüchlicher Lebensfreude zu sein, dass er – wie sie – dort blühen kann, wo er für den Moment sein darf. Und doch verstehe ich nicht, weshalb Peter nicht auf dieselbe Weise Wurzeln schlagen darf, wie er es seiner Rose ermöglicht hat.
• Friederike Rass, Gesamtleiterin