Wohnen ist mehr als ein Dach über dem Kopf
Nach einem bewegten Leben fand Roby in der Anlaufstelle Brot-Egge wieder Halt. Der Blick auf das Vergangene macht ihn nachdenklich.
Mein Weg war nie geradlinig. Begonnen hat alles in Neuenhof, wo ich aufwuchs und zur Schule ging. Schon damals lernte ich, mich durchzubeissen. Als sich meine Eltern während meiner Schulzeit trennten und mein Vater nach Deutschland auswanderte, wurde die Beziehung zu meiner Mutter zu meinem wichtigsten Halt. Direkt nach der Oberstufe zog es mich nach Zürich. Mit neuen Freunden reiste ich für ein halbes Jahr nach Indien. Eine Erfahrung, die mir vor Augen führte, wie schlicht das Leben sein kann.
Zurück in der Schweiz schlug ich mich temporär als Monteur und Dachdecker durch. Arbeit war mir immer wichtig, denn sie gab mir Struktur und das Gefühl, gebraucht zu werden. Drogen begleiteten mich schon damals, aber solange ich eine Wohnung, einen Job und ein soziales Umfeld hatte, hielt sich mein Alltag im Gleichgewicht. Dieses fragile Gefüge zerbrach mit dem Tod meiner Mutter. Von einem Tag auf den anderen funktionierte nichts mehr. Ich hielt es in meiner Wohnung nicht mehr aus und landete schliesslich auf den Gassen von Zürich.
Zwei Jahre verbrachte ich mit nächtlichen Streifzügen und kurzen Schlafpausen auf Parkbänken oder unter Balkonen. Um über die Runden zu kommen, bewegte ich mich im Drogengeschäft und finanzierte damit meine Sucht. Die Grenzen zwischen Konsum und Verkauf verschwammen. Die dauernde Anspannung und Unsicherheit höhlten mich innerlich immer mehr aus. Als mich eines Tages ein Jugendfreund antraf, nahm er mich kurzerhand mit zu einer Anlaufstelle von Pfarrer Sieber. Nach einem offenen Gespräch erhielt ich ein Zimmer in einer Einrichtung des Sozialwerks in Zürich-Oerlikon. Wieder ein Dach über dem Kopf zu haben, war ein Lichtblick nach langer Dunkelheit.
Nur ein Jahr später wurde die Liegenschaft, in der wir untergebracht waren, abgerissen. So mussten wir zügeln und wurden die ersten Bewohner von Pfarrer Siebers neuer Notwohnsiedlung Brothuuse in Zürich-Affoltern. Die Zeit in der neuen Einrichtung war geprägt von Gemeinschaft, Verantwortung und gegenseitiger Wertschätzung. Wir arbeiteten zusammen, organisierten Anlässe und fühlten uns nach langer Zeit wieder als Teil von etwas Sinnvollem. Auch den Stall von Pfarrer Ernst Sieber im Hoch-Ybrig durften wir mitbetreuen. Ich erlebte ihn als eine besondere Persönlichkeit. Selbstbewusst, fast kindlich unbekümmert und stets mit markigen, ermutigenden Worten, die mich bis heute begleiten. Zu den Anfangszeiten waren wir Bewohner diejenigen, die den Betrieb mitverantworteten. Heute läuft vieles strukturierter ab, was ich nachvollziehen kann, auch wenn ich die damalige Zeit manchmal vermisse. Als meine Zeit in Brothuuse nach einem Jahrzehnt endete, erhielt ich die Zusage für eine Wohngemeinschaft in der Anlaufstelle Brot‑Egge. Das selbstbestimmte Wohnen mit Teilbetreuung kommt mir sehr entgegen. Zusammen mit der IV‑Rente ermöglicht mir die Unterkunft ein würdevolles Leben.
Meine Sucht ist geblieben, doch sie hat nicht mehr dieselbe Macht über mich wie früher. Dass viele frühere Weggefährten nicht mehr da sind, stimmt mich nachdenklich. Rückblickend bin ich dankbar für die Menschen, die mich in meinen schwersten Zeiten auffingen, und für ein Sozialwerk, das mir zeigte, dass Hoffnung trägt. Ohne das Sozialwerk Pfarrer Sieber wäre ich nicht mehr hier. Deshalb gebe ich meine Erfahrungen weiter und ermutige andere, Hilfe anzunehmen. Für meinen Lebensabend wünsche ich mir einen ruhigen Ort im Grünen – am liebsten so idyllisch wie damals beim Stall von Pfarrer Sieber.»
• Aufzeichnung Michael Rohrbach