Besucherin des Pfarrer-Sieber-Huus

Marinas Weg führte sie von der erfolgreichen beruflichen Selbstständigkeit bis auf die Strasse.

«Manchmal verändert ein einziger Moment das ganze Leben. Ich hätte mir nie vorstellen können, eines Tages selbst ohne Wohnung dazustehen und nachts einen Schlafplatz beim Zürcher Hauptbahnhof suchen zu müssen. Aufgewachsen bin ich in Zürich als Tochter süditalienischer Eltern. Mein Vater war stets der Überzeugung, einen Beruf zu erlernen sei wichtig. Ich wollte stattdessen lieber reisen und die Welt entdecken. Dennoch hörte ich auf den väterlichen Rat und machte eine Ausbildung zur Telefonistin. Dieser Beruf passte letztlich gut zu mir. Einerseits bin ich selbst eine kommunikative Person, andererseits konnte ich mir wertvolle technische Fähigkeiten aneignen. Sieben Jahre arbeitete ich anschliessend als Sachbearbeiterin für einen Betrieb im Metallhandel. Ich kniete mich rein und sparte jeden Franken, um regelmässig reisen zu können.
Mit der Zeit wuchs in mir der Wunsch nach Veränderung. Ich nahm all meinen Mut zusammen und gründete meine eigene Metallhandels-Firma. Dank früherer Kontakte nach Osteuropa musste ich dabei nicht bei null anfangen. Ich lernte Menschen aus unterschiedlichen Kulturen kennen und wusste mich im Business zu behaupten. Für mehrere Jahre war ich erfolgreich im Geschäft. Als meine Mutter erkrankte, war für mich aber klar, dass ich für sie da sein wollte. Meine Firma vertraute ich in dieser Zeit einem langjährigen Bekannten an. Später stellte sich heraus, dass vieles nicht korrekt lief und ich keinen Zugriff mehr auf Geld hatte, das mir zustand. Wegen Mietschulden verlor ich schliesslich meine Wohnung und wurde obdachlos.
Diese Zeit hat mich geprägt. Ich wusste damals nicht, was es bedeutet, auf der Strasse zu leben. Besonders erschüttert hat mich, wie viele Menschen in Zürich ohne festen Schlafplatz unterwegs sind. Der Kontakt zu anderen Obdachlosen war begrenzt. Bei vielen war die Scham ob der eigenen Situation zu gross. Gleichzeitig habe ich viel Menschlichkeit von Passanten erlebt, die nach meinem Befinden fragten oder Hilfe anboten. Eines Tages wurde mir die Sunestube empfohlen. Das Sozialwerk Pfarrer Sieber kannte ich bis dahin nicht, und ehrlich gesagt war ich zuerst skeptisch. Ich hatte bereits andere Angebote kennengelernt und war oft enttäuscht worden. Doch die anfängliche Skepsis legte sich schnell. In der Sunestube hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, einfach Mensch sein zu dürfen.
Heute komme ich regelmässig ins Gassencafé im neuen Pfarrer-Sieber-Huus. Meistens zum Essen, oft aber auch wegen der Gespräche und der Gemeinschaft. Besonders das Angebot der «Fraueziit» am Montag schätze ich, wo Frauen in ähnlichen Situationen ganz unter sich sind. In der Gassenkirche habe ich wieder einen Zugang zum Glauben gefunden und erlebt, dass Nächstenliebe nicht nur gepredigt, sondern tatsächlich gelebt werden kann. Die Unterstützung ermöglicht mir ausserdem, eine Struktur im Alltag aufrechtzuerhalten. Ich versuche, immer in Bewegung zu bleiben, lese viel in Bibliotheken oder suche Ruhe in der Natur. Einige Freundschaften aus früheren Zeiten sind geblieben, was mir eine zusätzliche Stütze ist. Trotz allem Belastenden sehe ich mein Leben nicht dunkel. Im Gegenteil – für mich ist das Glas immer halb voll. Ich glaube daran, dass ich schon bald wieder festen Boden unter den Füssen finden werde. Und ich wünsche mir, meine Erfahrungen eines Tages nutzen zu können, um selbst Menschen in Not zu unterstützen.»

• Aufgezeichnet von Michael Rohrbach, freier Mitarbeiter