Unser neues Gassenzentrum

Eigentlich sollte ich im Pfarrer-Sieber-Huus eine Führung machen. Stattdessen trage ich etwas hilflos Wasser und Papiertücher über die Strasse. 

Ein junger Mann liegt auf dem Boden: Gesicht und Knie aufgeschürft, die Hose zerrissen. Er ist gestürzt und kommt nicht wieder hoch. Später erfahren wir, dass er auf dem Heimweg einen Rückfall in seine Drogensucht hatte. Die Scham, versagt zu haben, lähmt ihn. Der junge Mann, nennen wir ihn Georg, ist Sozialpädagoge. 
Im Moment liegt er wie ein Häufchen Elend in einem Hauseingang gegenüber des Pfarrer-Sieber-Huus und kann kaum sprechen. Unser Seelsorger kniet neben ihm, eine Sozialarbeiterin telefoniert mit einem Arzt unseres Fachspitals, der die Lage medizinisch einschätzt. Es ist lange nach Feierabend. Den Gästen unseres Gassenkafis ist der junge Mann aufgefallen und sie haben Alarm geschlagen. Das Haus hat zwar offiziell schon geschlossen – aber das hat niemanden aufgehalten: Alle helfen sich gegenseitig, Fachleute wie Gäste. Das Haus ist gross, die Hilfsangebote sind über vier Stockwerke verteilt – wer zum ersten Mal hineinstolpert, findet sich nicht grad zurecht. Schilder helfen etwas, aber sehr viel mehr helfen diejenigen, die sich schon auskennen. Da bringen altbekannte Gäste neue mit. Unsere Mitarbeitenden und Freiwilligen unterstützen diese offene Haltung.
Es gibt jedoch vieles, was wir hier nicht lösen können: Die wachsende soziale Not, die neue Opioidkrise, die Zunahme psychischer Erkrankungen, Wohnungsnot. Es sind herausfordernde Zeiten – für uns als Gesellschaft und für die Einzelnen. Und doch bleibt mir der Satz eines Freundes im Gedächtnis, der angesichts der trubeligen, stachligen und fürsorglichen Gemeinschaft im Haus erstaunt sagt: «Man bekommt fast das Gefühl, es könnte noch möglich sein auf dieser Welt.»
Als ich das Haus nach der Führung später an diesem Abend wieder verlasse, sitzt unser Seelsorger noch immer bei Georg. Die beiden sind schon einige Hauseingänge weiter – die 300 Meter bis zum Bahnhof bleiben ein langer Weg. 

• Friederike Rass, Gesamtleiterin