Montags ist Fraueziit!
Obdachlose haben es schwer. Obdachlose Frauen noch schwerer. Seit bald drei Jahren bieten wir ihnen mit dem Pionierprojekt Fraueziit einen besonderen Schutzraum.
Montagmittag kurz vor zwölf. Vor der Tür der Sunestube, unserem Gassencafé in der Nähe der Langstrasse, warten mehrere Frauen. Sie kennen diesen Ort und wissen, dass sie hier willkommen sind. Karin öffnet die Tür und begrüsst jede Einzelne. Karin ist Verantwortliche des Projekts Fraueziit, bei dem das Gassencafé einmal wöchentlich ausschliesslich Frauen offen steht. «Grundsätzlich wollen wir den Besucherinnen Herzlichkeit, Wärme und Sicherheit bieten», sagt Karin zum Wesen der Fraueziit. Das niederschwellige Angebot speziell für Frauen in vulnerablen Lebenssituationen bieten wir seit März 2023 an. Immer montags zwischen 12 und 19 Uhr gehört die Sunestube nur ihnen. Die Mitarbeiterinnen sind um eine ruhige Atmosphäre besorgt. Fraueziit soll kein hektischer Durchlaufbetrieb oder eine «Imbiss-Bude» sein, sondern ein Ort der Begegnung. Ab 12.15 Uhr wird ein warmes Mittagessen serviert. Durchschnittlich werden 30, manchmal bis zu 50 Mahlzeiten ausgegeben.
Fraueziit ist jedoch viel mehr als nur ein Mittagessen. Die Sunestube wird an diesen Montagen zu einem Rückzugsort, an dem die Frauen auftanken können. Sie dürfen hier duschen, ihre Kleider waschen und schlafen. Ihre Begleitung ist dabei vielschichtig und intensiv, erzählen die Mitarbeiterinnen. Anders als im regulären Betrieb der Sunestube, in dem oft über 100 Gäste anwesend sind, bleibt der Rahmen mit rund 40 Besucherinnen überschaubar. Das schafft Raum für persönliche Beziehungen. Die Frauen dürfen sich an der Theke selbst bedienen oder schenken sich gegenseitig Kaffee ein. In den im Sommer maritim dekorierten Räumen ist es gemütlich. Kissen, Decken und Schlafmöglichkeiten schaffen eine wohnliche Atmosphäre. Die Mitarbeiterinnen gestalten den Ort bewusst gemeinsam mit den Besucherinnen. Es geht nicht nur um Versorgung, sondern auch um Teilhabe und darum, ein Stück Normalität zu schaffen, der den Frauen oft verloren gegangen ist.
Eine Frau, etwa Anfang vierzig, sitzt am Tisch gleich hinter der Tür, wo es etwas ruhiger ist, und trinkt Kaffee. Vor anderthalb Monaten hat sie ihre Wohnung verloren. Seitdem schläft sie unter einer Brücke in der Zürcher Innenstadt. Ihre Eltern wollen nichts von ihr wissen. Montags kommt sie nun regelmässig zur Fraueziit. Sie erzählt, dass ihr die Füsse wehtun – sie habe wohl die alten Turnschuhe zu lange getragen. Jetzt stecken ihre Füsse in neuen Schuhen. Ihre Augen leuchten, als sie von Musik zu schwärmen beginnt – von Klavier und Tanz. Schliesslich erzählt sie noch von ihrem Traum: «Ich möchte irgendwann wieder arbeiten. In einer Boutique, Kleider verkaufen. Oder am Empfang in einem Büro tätig sein. Das wäre schön.»
Inzwischen ist es halb vier – Zvieri-Zeit. Karin hat eine Power-Point-Präsentation zum Thema Heldinnen vorbereitet – mit Bildern von Pippi Langstrumpf, Pocahontas, Mutter Teresa, aber auch von Lassie und einer Gänsemutter, die mutig ihre Jungen verteidigt. Sie fragt die Frauen: «Was meint ihr, warum sind diese Frauen Heldinnen?» «Weil sie stark sind, mutig, frei», meint eine Frau. «Weil sie sich auflehnen, entschlossen ihre Ziele verfolgen und vielleicht auch ein bisschen kühn sind», sagt eine andere. «Trotz allen Widerständen sind sie immer voller Liebe und einem tiefen Vertrauen in Gott», findet eine dritte. Karin nickt und sagt: «Alle diese Eigenschaften finden sich auch in euch.»
Bei Kaffee, Cranberrysaft und selbstgemachten Canapés unterhalten sich die Frauen noch etwas, bis eine nach der anderen ihre Sachen packt und sich verabschiedet. Leise klingt die Fraueziit aus.
• Denise Dolle, Mitarbeiterin Kommunikation