Die Sunestube ist unsere Basis

Pfarrer Sieber gründete das Gassencafé Sunestube am 11. September 1995. Auch 30 Jahre später ist es für Obdachlose und Randständige ein zentraler Anlauf- und Orientierungspunkt. Leiterin Christine Diethelm weiss, warum.

Christine, seit 10 Jahren arbeitest du in der Sunestube. Was begeistert dich da?
Ich schätze die Vielseitigkeit. Ich komme hier mit spannenden Menschen in Kontakt, die alle eine einzigartige Geschichte haben. Ihre täglichen Herausforderungen wie Sucht, Obdachlosigkeit und Einsamkeit haben sie geprägt. Gleichwohl meistern sie ihr Leben mit Mut und Würde. Das bewundere ich. Und dass ich mit einem so motivierten, kompetenten und humorvollen Team arbeiten darf, ist mir eine tägliche Freude.

Wer kommt als Gast in die Sunestube?
Menschen aus allen Gesellschaftsschichten, alters- und geschlechterdurchmischt, mit den unterschiedlichsten Nöten und Bedürfnissen. Allein im Gassencafé besuchen uns täglich über 160 verschiedene Menschen, die für kürzere oder längere Zeit bei uns verweilen. Hinzu kommen die Begegnungen unserer aufsuchenden Gassenarbeit. Da kommen viele schwierige und zum Glück auch schöne Lebenserfahrungen zusammen.

Was bietet ihr den Hilfe- und Schutzsuchenden?
Wir bieten Frühstück und Mittagessen an und geben Kleider, Hygieneartikel und Schlafmaterial ab. Für viele sind wir die erste Anlaufstelle, und sie nehmen Informationen zu Angeboten in der Stadt gerne entgegen. Wir verstehen die Sunestube als einen Ort der Gemeinschaft. Gespräche und gemeinsame Erlebnisse sind uns wichtig. Unsere Gäste bringen sich gerne ein. So hat ein Gast wiederholt Rösti für alle Gäste zubereitet. Das hat ihn ermutigt und in seinen Fertigkeiten bestärkt, ganz zu schweigen davon, dass die Rösti frühmorgens überaus geschätzt wurde.

Wie darf man sich immaterielle Hilfe vorstellen?
Wir möchten für unsere Gäste ein Gegenüber sein. Wir hören aufmerksam zu, ermutigen, halten Frust und Enttäuschung aus, geben die Hoffnung nicht auf, würdigen Momente des Vertrauens und lieben das gemeinsame Lachen. Geschätzt werden kreative Angebote wie Museumsbesuche, Spiele, Gesprächs-runden usw. Sie helfen, Ressourcen zu fördern, Perspektiven aufzuzeigen und Momente des Ausgleichs zu schaffen. Wo immer möglich triagieren wir an Fachpersonen wie z.B. unsere Sozialberatung, unsere Seelsorge oder unser Fachspital.

Wie erlebst du die Gäste?
Immer wieder staune ich, wie gut diese Gemeinschaft auf Zeit zwischen den unterschiedlichsten Charakteren funktioniert und wie oft sie sich gegenseitig helfen und auch aushalten. Ihre Dankbarkeit für Essen, verständnisvolles Zuhören, hilfreiche Info und erlebte Gemeinschaft in einem oft von Einsamkeit geprägten Alltag ist gross.

Was hat sich in den Jahren, in denen du die Sunestube leitest, verändert?
Wir haben heute dreimal mehr Gäste als noch vor zehn Jahren. Der Anteil an armutsbetroffenen Menschen in Zürich nimmt zu. Noch mehr als früher ist die Sunestube Dreh- und Angelpunkt verschiedener gassennaher Angebote unserer Stiftung. Sie ist die Basis unserer aufsuchenden Gassenarbeit und der winterlichen Kältepatrouille, bildet seit drei Jahren ehemalig Betroffene zu Peers (Genesungsbegleiter, Anm. d. Red.) aus und ist jeden Montag für die Fraueziit offen. 

• Interview: Walter von Arburg