«Das selbstbestimmte Wohnen mit Teilbetreuung kommt mir sehr entgegen.»

Roby, Bewohner einer unserer WGs

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Nach einem bewegten Leben fand Roby in der Anlaufstelle Brot-Egge wieder Halt. Der Blick auf das Vergangene macht ihn nachdenklich. 

Mein Weg war nie geradlinig. Begonnen hat alles in Neuenhof, wo ich aufwuchs und zur Schule ging. Schon damals lernte ich, mich durchzubeissen. Als sich meine Eltern während meiner Schulzeit trennten und mein Vater nach Deutschland auswanderte, wurde die Beziehung zu meiner Mutter zu meinem wichtigsten Halt. Direkt nach der Oberstufe zog es mich nach Zürich. Mit neuen Freunden reiste ich für ein halbes Jahr nach Indien. Eine Erfahrung, die mir vor Augen führte, wie schlicht das Leben sein kann.

Zurück in der Schweiz schlug ich mich temporär als Monteur und Dachdecker durch. Arbeit war mir immer wichtig, denn sie gab mir Struktur und das Gefühl, gebraucht zu werden. Drogen begleiteten mich schon damals, aber solange ich eine Wohnung, einen Job und ein soziales Umfeld hatte, hielt sich mein Alltag im Gleichgewicht. Dieses fragile Gefüge zerbrach mit dem Tod meiner Mutter. Von einem Tag auf den anderen funktionierte nichts mehr. Ich hielt es in meiner Wohnung nicht mehr aus und landete schliesslich auf den Gassen von Zürich.

Zwei Jahre verbrachte ich mit nächtlichen Streifzügen und kurzen Schlafpausen auf Parkbänken oder unter Balkonen. Um über die Runden zu kommen, bewegte ich mich im Drogengeschäft und finanzierte damit meine Sucht. Die Grenzen zwischen Konsum und Verkauf verschwammen. Die dauernde Anspannung und Unsicherheit höhlten mich innerlich immer mehr aus. Als mich eines Tages ein Jugendfreund antraf, nahm er mich kurzerhand mit zu einer Anlaufstelle von Pfarrer Sieber. Nach einem offenen Gespräch erhielt ich ein Zimmer in einer Einrichtung des Sozialwerks in Zürich-Oerlikon. Wieder ein Dach über dem Kopf zu haben, war ein Lichtblick nach langer Dunkelheit.

Nur ein Jahr später wurde die Liegenschaft, in der wir untergebracht waren, abgerissen. So mussten wir zügeln und wurden die ersten Bewohner von Pfarrer Siebers neuer Notwohnsiedlung Brothuuse in Zürich-Affoltern. Die Zeit in der neuen Einrichtung war geprägt von Gemeinschaft, Verantwortung und gegenseitiger Wertschätzung. Wir arbeiteten zusammen, organisierten Anlässe und fühlten uns nach langer Zeit wieder als Teil von etwas Sinnvollem. Auch den Stall von Pfarrer Ernst Sieber im Hoch-Ybrig durften wir mitbetreuen. Ich erlebte ihn als eine besondere Persönlichkeit. Selbstbewusst, fast kindlich unbekümmert und stets mit markigen, ermutigenden Worten, die mich bis heute begleiten. Zu den Anfangszeiten waren wir Bewohner diejenigen, die den Betrieb mitverantworteten. Heute läuft vieles strukturierter ab, was ich nachvollziehen kann, auch wenn ich die damalige Zeit manchmal vermisse. Als meine Zeit in Brothuuse nach einem Jahrzehnt endete, erhielt ich die Zusage für eine Wohngemeinschaft in der Anlaufstelle Brot‑Egge. Das selbstbestimmte Wohnen mit Teilbetreuung kommt mir sehr entgegen. Zusammen mit der IV‑Rente ermöglicht mir die Unterkunft ein würdevolles Leben.

Meine Sucht ist geblieben, doch sie hat nicht mehr dieselbe Macht über mich wie früher. Dass viele frühere Weggefährten nicht mehr da sind, stimmt mich nachdenklich. Rückblickend bin ich dankbar für die Menschen, die mich in meinen schwersten Zeiten auffingen, und für ein Sozialwerk, das mir zeigte, dass Hoffnung trägt. Ohne das Sozialwerk Pfarrer Sieber wäre ich nicht mehr hier. Deshalb gebe ich meine Erfahrungen weiter und ermutige andere, Hilfe anzunehmen. Für meinen Lebensabend wünsche ich mir einen ruhigen Ort im Grünen – am liebsten so idyllisch wie damals beim Stall von Pfarrer Sieber.»  

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«Meine Gesundung verdanke ich vor allem den Mitarbeitern in Pfarrer Siebers Hilfswerk.»

Thomas, ehemaliger Bewohner Schärme

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Thomas kommt nach seiner Schmerzmittel- und Alkoholabhängigkeit im Schärme wieder auf die Beine. 

An meiner ersten Arbeitsstelle, einem Notariat einer Zürcher Agglomerationsgemeinde, lernte ich meine grosse Liebe kennen. Damals war ich grad 20. Unsere Beziehung hielt 26 Jahre. Schade, scheiterte unsere Ehe. Allein schon wegen unserer drei Töchter, die meine Perlen sind. Aber so hart kann das Leben sein.

Später wechselte ich zur Polizei. Der Schritt war nicht so abwegig, wie es vielleicht erscheint. Im Militär hatte ich es bis zum Hauptmann gebracht. Der Dienstalltag und die Umgangsformen waren mir also durchaus vertraut. Nach einigen Jahren bekam ich dann die einmalige Chance, bei einer grossen Versicherungsgesellschaft eine Teamleitung im Hypothekarbereich zu übernehmen. Es gefiel mir dort sehr.

Ich glaube, ich wäre noch heute dort, wäre nicht dieser Bruch in meinem Leben gekommen. Ein schlimmer Töffunfall zerstörte mein rechtes Bein. Es drohte die Amputation. Elf Monate lag ich im Spital. Mein Bein konnte gerettet werden, aber die Schmerzen wollten einfach nicht verschwinden, trotz morphiumbasierter Medikamente. Ich hielt es kaum aus – und ich war für meine Frau nicht auszuhalten. Sie liess sich scheiden. Von einem auf den anderen Moment verlor ich alles – Frau, Kinder, Job. Ich griff zum Alkohol, um zu vergessen. Dabei merkte ich, dass meine Schmerzen unter Alkoholeinfluss nachliessen. Damit war ich doppelt süchtig geworden.

Nach einem heftigen Streit mit meiner neuen Freundin im vergangenen Frühjahr fiel es mir wie Schuppen von den Augen: So will ich nicht weitermachen, sonst verliere ich am Ende auch sie. Mir wurde auch klar, dass mich meine Töchter nicht für voll nehmen. Das tat weh. Ich wollte doch ein ernstzunehmender Papa sein. Mein Kampfeswille war geweckt, den ich wohl in meiner Offizierslaufbahn trainiert hatte, wo ich immer wieder vor körperliche und mentale Herausforderungen gestellt war.

Zudem erinnerte ich mich an eine Begegnung mit Pfarrer Sieber. Mein Vater war ein grosser Fan und nahm mich als Bub in seine Gottesdienste mit. Pfarrer Sieber schaffte es mit seiner bodenständigen Sprache und seinen einleuchtenden Metaphern, dass ich einen Zugang zu einem positiven Gottesbild fand. Salopp könnte man wohl sagen, dass mich mein Wille und mein Glaube aus der Sucht herausführten.

Das klingt allerdings einfacher, als es war. Ich machte den Alkoholentzug. Das war die Hölle. Aber es lohnte sich. Ich begann wieder mit Fitnesstraining. Mein Körpergefühl kehrte zurück. Meine Gesundung verdanke ich vor allem den Mitarbeitern in Pfarrer Siebers Hilfswerk. Gerade in der Wohneinrichtung Schärme erlebte ich konkret, was es heisst, nicht allein gelassen zu werden.

Seit September arbeite ich wieder. Vorerst im zweiten Arbeitsmarkt als Gruppenleiter in einer Behinderten-Werkstatt. Mein Ziel ist, beruflich wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Durch die Medikamente, die meine Beinschmerzen besser lindern als Morphium, kehrten ein positives Körpergefühl und die Lebensfreude zurück. Es gibt nichts Schöneres, als die Liebe zu meiner Freundin und meinen Töchtern zu leben. Das stellt jedes Drogenerlebnis in den Schatten! Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen bin ich gegen eine Drogenlegalisierung. Ich denke, dass viele Menschen Drogen als Liebesersatz konsumieren. Dabei sind Beziehungen der Schlüssel gegen Sucht. Das predigte Pfarrer Sieber. Ich kann das nur bestätigen.» 

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«Hier finde ich, was ich mein Leben lang gesucht habe.»

Mike, ehemaliger Patient Sune-Egge

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Im Sune-Egge fühlt sich Mike am richtigen Ort. Hier wird er als Suchtkranker verstanden und findet Unterstützung für seine Gesundheit und seine Zukunft.

«Mein Leben ist eine einzige Achterbahnfahrt. Schon als Kind musste ich lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. Als mein Vater mit meinen Geschwistern nach Österreich zurückging, blieb meine Mutter mit mir allein. Sie arbeitete viel und war mit der gesamten Situation überfordert. Ich lebte teils bei Pflegeeltern, wechselte zwischen verschiedenen Welten hin und her. In der Schule galt ich als Zappelphilipp und hatte Mühe, mich zu konzentrieren. Aber ich kämpfte mich durch, schloss die Sekundarschule ab und startete eine Lehre als Koch. Gleichzeitig wurde das Zuhause bei meiner Mutter immer mehr zum Ort von Streit und Spannungen. Ich suchte nach Unabhängigkeit und verdiente bald mein eigenes Geld. Mit 15 kam ich in Kontakt mit Drogen. Was zunächst aus Neugierde begann, entwickelte sich schnell zu einer Spirale, aus der ich nicht mehr herauskam. Die Drogen schenkten mir das Gefühl von Geborgenheit, das ich im Alltag oft vermisste. Die Arbeit gab mir zwar Struktur, aber die Sucht holte mich immer wieder ein. Selbst eine berufliche Neuorientierung zum Metallbauschlosser oder mein Praktikum als Baumschulist führten nicht zum erhofften Erfolg.

Ein erster Entzug in Österreich gab mir Hoffnung. Dort fühlte ich mich wohl, fand Halt bei meinem Vater und arbeitete in einer Schlosserei. Sobald ich zurück in der Schweiz war, zog es mich wieder in die Szene. Schliesslich verlor ich alles: meinen Job, meine Wohnung, meine Perspektive. Es folgten mehrere Entzüge, Neuanfänge und Rückfälle. Ein ständiges Ringen zwischen dem Wunsch nach einem normalen Leben und dem Zwang der Abhängigkeit. Ich rutschte immer weiter in die Kriminalität ab, um meine Sucht zu finanzieren. Beziehungen zerbrachen, Wohnsituationen waren instabil, und am Ende stand ich oft mit leeren Händen da.

Ich schlitterte in eine Lebenskrise, war gesundheitlich stark angeschlagen und landete im Spital. Dort wurde ich auf das Sozialwerk Pfarrer Sieber aufmerksam gemacht und bald darauf in das Fachspital Sune-Egge verlegt. Ich wusste nicht, was mich erwartet, und hatte Angst, meine Unabhängigkeit zu verlieren. Ich erkannte jedoch schnell, dass es hier nicht darum geht, mich zu kontrollieren oder mir Vorschriften zu machen. Sondern darum, mir eine echte Chance zu geben. Zum ersten Mal fühlte ich mich wirklich verstanden. Die Ärzte, die Pflegefachkräfte und sogar das Küchenpersonal behandelten mich auf eine liebevolle Art, die mich tief berührte. Nach drei Monaten kehrte ich in meine Wohnung zurück. Die Realität holte mich schnell ein. Meine Untermieterin verursachte Ärger, und die Nachbarn beschwerten sich, bis die Verwaltung die Heizung abschaltete. Wieder stand ich vor einem Abgrund. Mir war sofort klar, dass ich Hilfe brauchte. Diesmal zögerte ich nicht lange und fragte nochmals nach einem Platz im Sune-Egge, der mir letzten Dezember zum zweiten Mal zugesprochen wurde.

Was diese Einrichtung für mich von anderen Spitälern unterscheidet, ist die Art der Betreuung. Keine sterile Atmosphäre, keine starren Abläufe, sondern ein Umfeld, das sich an den Menschen orientiert. Hier finde ich das, was ich mein Leben lang gesucht habe: Geborgenheit, Schutz und eine Perspektive. Es gibt therapeutische Angebote, medizinische Versorgung und vor allem Menschen, die zuhören. Die Sucht wird als Krankheit betrachtet, nicht als persönliches Versagen. Ich kann meine Geschichte erzählen, ohne verurteilt zu werden. Ich darf ich selbst sein. Früher wollte ich so schnell wie möglich zurück in meine Autonomie. Heute ist der Sune-Egge mein Anker und mein Sprungbrett. Für die Zukunft wünsche ich mir vor allem eines: weiter stabil zu bleiben und Fortschritte zu machen. Doch was auch immer kommt: Ich weiss, dass ich diesen Weg nicht allein gehen muss.» 

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«Nach langer Zeit auf der Gasse fand ich in harten aber lehrreichen Jahren beim Sozialwerk Pfarrer Sieber den Rank.»

Tania S., ehemalige Bewohnerin Sunedörfli

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Tania S. kam als Jugendliche ins Heim, nahm Drogen und war im Gefängnis. Ihre drei Kinder musste sie fremdplatzieren.

Vor fünf Jahren hatte ich eine Haftstrafe wegen unbezahlter Bussen abzusitzen. Substituiert, also mit ärztlich verordneten Ersatzdrogen. Aber mir war bewusst, dass ich aufhören musste. Sowohl mit Drogen wie auch mit
verordneten Ersatzstoffen. Substitution nimmt dir zwar den Suchtdruck, süchtig aber bleibst du.

Die Justiz half mir jedoch nicht bei der Suche nach einem Therapieplatz. Zum Glück wurde ich aufs Sozialwerk Pfarrer Sieber aufmerksam. Ein Mitarbeiter holte mich vom Gefängnis ab und brachte mich zum Entzug ins Sunedörfli. Die ersten zwei Wochen schlief ich täglich fast 18 Stunden, so entkräftet war ich. Mein Lebenswille aber war wach. Es folgten dreieinhalb harte, aber lehrreiche Therapiejahre im Sunedörfli. Ich lernte mich selbst besser kennen und das biedere Alltagsleben schätzen; es gibt mir Stabilität und Tagesstruktur. Bald begann ich als freiwillige Hilfspflegerin in einem Pflegeheim zu arbeiten. Nachdem ich den SRK-Kurs als Pflegehelferin gemacht hatte, stellte mich das Heim mit einem Teilzeitpensum ein. Der Job gefällt mir.

Ein tränenreiches Kapitel sind meine Kinder. Nicht, weil sie schwierig wären, im Gegenteil. Nachdem ich es mit den Buben zunächst probiert hatte, musste ich bald feststellen, dass ich ihnen kein Daheim bieten konnte. Ich stimmte der Fremdplatzierung zu. Das war der beste Entscheid meines Lebens – aber er brachte mich fast um. Denn ich ahnte, dass sie nie mehr zu mir zurückkehren würden. Das tat weh. Aber für sie war es richtig. Sie wuchsen bei lieben Pflegeeltern auf. Heute haben wir einen guten Kontakt und ich bin stolz, dass sie eine Ausbildung haben und zu verantwortungsvollen Menschen herangewachsen sind.

Meine Tochter ist deutlich jünger als ihre Brüder und wuchs in einem Kinderheim auf. Dort durfte ich sie jeweils zwei Stunden pro Woche besuchen. Weil ich nun clean bin und arbeite, konnte sie im Sommer zu mir ziehen. Sie hat die Umstellung gut verkraftet und sich in der neuen Schulklasse eingelebt. Wir beide haben auch rasch zueinander gefunden und sind glücklich. Im Heim hatte sie es auch gut. Regelmässig besucht sie nun ihre Gspänli dort.

Meine eigenen Heimerinnerungen sind weniger gut: Nachdem ich als 13-Jährige aus der Schule geflogen war, musste ich in ein Heim. Dort rebellierte ich, kiffte und nahm bald harte Drogen. Jahre auf der Gasse folgten, bis ich vor fünf Jahren den Rank fand. Ich bin mir bewusst, dass ich wieder abstürzen könnte. Aber ich weiss heute, worauf ich achten und was ich tun muss, wenn ich die Alarmzeichen erkenne.

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«Er war einfach gekommen, um uns danke zu sagen für unsere Geduld und unsere Unterstützung während seiner dunkelsten Zeit. Sowas berührt.»

Martin Pálfalvy, Mitarbeiter Sunestube

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Diese Treue ist ein Schlüssel zum Erfolg der Sunestube. Denn nur, wenn sie Vertrauen ins Personal haben, öffnen sich unsere Gäste und sind zu Schritten aus ihren zumeist schwierigen Lebenssituationen bereit. Und Vertrauen aufzubauen, braucht Zeit. «Wer im Leben schon x-mal enttäuscht wurde, braucht umso länger, um wieder Vertrauen zu fassen», weiss Pálfalvy. 
Dass sich der Beziehungsaufbau lohnt, beweisen jene Gäste, die es schaffen und der Sunestube irgendwann fernbleiben. Wie etwa jener einst schwerst drogensüchtige Sunestubegast, der nach Jahren plötzlich wieder vor Martin stand. Er hatte den Rank gefunden und in der Region ein Coiffeurgeschäft aufgebaut. «Er war einfach gekommen, um uns danke zu sagen für unsere Geduld und unsere Unterstützung während seiner dunkelsten Zeit», erinnert sich Pálfalvy. «Sowas berührt.» Und motiviert. Denn meist ist der Alltag weniger glanzvoll. «Mein Ziel ist es, täglich mindestens einen Gast zum Lachen zu bringen», sagt Martin. Und fügt augenzwinkernd hinzu: «Das schaffen wir meist spielend.» Trotz ihrer zumeist dramatischen Lebensumstände haben viele Sunestubegäste ihren Humor nicht verloren. 

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«Womöglich hat mich eine Art Pfuusbus-Virus gepackt. – Ich schätze die Gemeinschaft mit den Gästen und dem Küchenteam sehr. Ich habe die Menschen liebgewonnen – und bin selbst gern in guter Gesellschaft.»

Berthe Spielmann, seit mehr als 20 Jahren Freiwillige beim Pfuusbus

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Seit der ersten Stunde vor 20 Jahren arbeitet Berthe Spielmann im Pfuusbus mit. 

Früher habe ich an zwei Tagen pro Woche im Pfuusbus ausgeholfen, heute noch an einem auf Abruf», sagt Berthe Spielmann. Das ist durchaus verständlich, wenn man bedenkt, dass sie bereits 86 Jahre alt ist.

Ursprünglich stammt die gelernte Töpferin aus Zug. Über eine damalige Schulkollegin lernte sie Sonja Sieber, Pfarrer Siebers Ehefrau, kennen. Bevor der Pfuusbus in Betrieb genommen wurde, war Berthe mit anderen Freiwilligen auf dem Platzspitz und beim Letten im Einsatz, um Essen zu verteilen. «Zu Beginn herrschte noch die Szenenzeit. Die Suchtkranken waren eher skeptisch gegenüber dem Pfuusbus».

Der heutige Pfuusbus sei nicht mehr mit dem damaligen zu vergleichen: «Früher gab es nur den Bus mit zwölf Etagenbetten und einer kleinen Küche.» Gäste mit Hunden fanden im kleinen Bauwagen neben dem Pfuusbus, dem Waldschnägg, Unterschlupf. Erst fünf Jahre nach der Eröffnung kam ein erstes Vorzelt mit weiteren Schlafplätzen hinzu. Berthe erinnert sich gerne an die Atmosphäre von damals: «Es war sehr familiär. Häufig spielte jemand auf der Gitarre und wir sangen.» Auch das kulinarische Angebot habe sich verändert. «Zu Anfangszeiten gab es vor allem einen Suppe. Heute kochen wir vollwertige Menüs.»

Pfarrer Ernst Sieber war regelmässig im Pfuusbus anzutreffen. Dabei äusserte er gerne seine Meinung zu gewissen Vorgehensweisen, erinnert sich Berthe. «Mit der Zeit bekam ich von ihm den Übernamen Schreckbürste. Jedoch nur, wenn ich anderer Meinung war», fügt sie mit schelmischem Lächeln an. Trotz des wenig schmeichelhaften Übernamens sei die Zusammenarbeit mit Pfarrer Sieber stets herzlich gewesen. «Heute vermisse ich Ernst.»

Das Engagement als Freiwillige ist eine Herzensangelegenheit für Berthe. «Womöglich hat mich eine Art Pfuusbus- Virus gepackt», meint sie. «Ich schätze die Gemeinschaft mit den Gästen und dem Küchenteam sehr. Ich habe die Menschen liebgewonnen – und bin selbst gern in guter Gesellschaft.»

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«Ich bin doch zu jung für ein Altersheim.»

Samuel, Patient Sune-Egge

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Samuel (60) verbrachte sein halbes Leben im Ausland. Bis er im Rollstuhl landete. Heute pendelt er zwischen Altersheim und Fachspital Sune-Egge. Er blickt zurück:

Geboren und aufgewachsen bin ich in Pfäffikon ZH. Schon in jungen Jahren wollte ich die Welt entdecken. Es hielt mich nie lange an einem Ort. Nach einem Praktikum als Pfleger bewarb ich mich für eine Ausbildung zum Psychiatriepfleger. Der Vertrag war bereits aufgesetzt, doch ich folgte der Einladung eines ehemaligen Arbeitskollegen und verliess kurzerhand die Schweiz, um in Berlin in einem Gefängnisabteil eines Spitals zu arbeiten. Als überzeugter Punk konnte ich mir das nicht entgehen lassen.

Es dauerte genau neun Monate, bis ich wieder in Zürich landete. Und kurz darauf im Tessin, wo ich unter anderem für ein Jahr als Hilfsdachdecker und als Bootsvermieter jobbte. Später verschlug es mich und meine Freundin in eine stillgelegte Fabrik in Florenz. Dort lebten wir in einer Gemeinschaft. Nebst einem Skaterpark gab es sogar eine Art Notfallklinik für Migranten.

Als dann meine Freundin mit 21 Jahren an ihrer HIV-Infektion starb, fiel ich ein Loch. Ich fing an, harte Drogen zu nehmen. Ich entdeckte das Tätowieren und kam mit einer Italienerin zusammen. Gemeinsam eröffneten wir in der Schweiz ein Tattoo-Studio. Das ging einige Zeit gut, bis ich Lähmungserscheinungen in meinem rechten Unterarm bekam. Deshalb half ich mir mit dem Verkauf von Siebdruck-T-Shirts über die Runden.

Doch dann ging die Beziehung in die Brüche und ich konnte das Studio nicht mehr halten. Deshalb beantragte ich bei der Invalidenversicherung eine Rente. Als Selbstständiger musste ich zuerst viele Auflagen erfüllen sowie behördliche Hürden überwinden, bis mein Antrag gutgeheissen wurde. Stolz darauf bin ich nicht, denn ich wollte mein Geld schon immer selbst verdienen.

Obschon ich einige Jahre clean war, wurde ich letztes Jahr aufgrund einer folgenschweren Medikamentenüberdosierung depressiv und fiel in eine Alkoholsucht. Das führte so weit, dass ich ständig zwischen Spital und Suchtklinik pendelte und schliesslich in Pfarrer Siebers Sune-Egge landete.

Meine Sucht verursachte immer wieder Wutausbrüche. Nach einem Handgemenge schlug ich hart auf dem Boden auf. Seither kann ich nicht mehr richtig gehen. Jetzt lebe ich im Altersheim und bin an den Rollstuhl gefesselt.

Dank meiner Gewichtsreduktion und der grossartigen Wundversorgung im Sune-Egge geht es mir nun langsam besser. Die Leute hier sind freundlich und nehmen mich ernst. Das tut gut. Gerne würde ich wieder nach Italien reisen, wo meine Freunde leben. Meine gegenwärtige Situation lässt das leider nicht zu. Dennoch möchte ich so bald wie möglich wieder auf eigenen Füssen stehen.»

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«Für andere da zu sein, tut mir selbst gut. Ich bin einfach gern hier und lerne auch viel für mein eigenes Leben.»

Christine, Freiwillige

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Christine Meier engagiert sich als Freiwillige im Sune-Egge. Besonders ans Herz gewachsen ist ihr eine Rollstuhlpatientin.

Jeden Mittwochnachmittag nimmt sich Christine Meier Zeit für eine besondere Begegnung. Als Freiwillige im Fachspital Sune-Egge begleitet sie die Rollstuhlpatientin Pascale, mit der sie Spaziergänge unternimmt, Memory spielt oder einfach über das Leben plaudert. Besonders freut sich Pascale auf den kurzen Abstecher zum Kiosk um die Ecke. «Ein kleines Ritual, das ihr viel bedeutet», weiss Christine. Zweimal im Monat gönnen sich die beiden zudem eine entspannende Auszeit im Wärmebad Käferberg. Die gemeinsamen Nachmittage sind für beide eine Bereicherung, denn sie bringen Freude und Abwechslung in den Alltag.

Schon immer fühlte sich Christine zu sozial beeinträchtigten Menschen hingezogen. Ihr Engagement im Sune-Egge ist für sie deshalb mehr als nur ein Ehrenamt. «Für andere da zu sein, tut mir selbst gut. Ich bin einfach gern hier und lerne auch viel für mein eigenes Leben», sagt sie. Christine weiss aus eigener Erfahrung, wie viel es bedeutet, wenn einem in schwierigen Lebensphasen jemand zur Seite steht. Diese Erkenntnis hat sie geprägt und bewegt sie dazu, fortan einen Teil ihrer Zeit gezielt für Menschen einzusetzen, die auf Unterstützung angewiesen sind.

Dass Christine zur Freiwilligenarbeit im Sune-Egge fand, ist einem glücklichen Zufall zu verdanken. Sie hatte eine Ausschreibung für die Begleitung einer Patientin in Pfarrer Siebers Fachspital gelesen und sich spontan beworben. «Am Anfang brauchte es etwas Zeit, bis das Eis zwischen Pascale und mir gebrochen war», erinnert sie sich. Viele Patienten im Sune-Egge haben schwierige Erfahrungen gemacht, ihr Vertrauen in andere Menschen ist oft erschüttert. Doch mit Geduld, Wertschätzung und Respekt konnte Christine Pascales Vertrauen gewinnen. Mittlerweile ist zwischen ihnen eine enge Verbindung entstanden «Ich bin eher die Geschwätzigere von uns beiden, Pascale hört hingegen gerne zu» sagt sie lachend.

Christine engagiert sich im Alltag nebst Pascale auch für andere Menschen. Sie hält stets Ausschau nach nützlichen Alltagsgegenständen, die im Sune-Egge gebraucht werden können. Ihr Engagement bleibt dabei nicht unbemerkt. Auch Freunde und Familie haben sich in der Zwischenzeit inspirieren lassen und helfen beim Sammeln mit.

Ihr freiwilliges Engagement möchte Christine nicht mehr missen. Im Gegenteil: «Ein Zukunftswunsch ist, mit einem Kleinpensum für das Sozialwerk Pfarrer Sieber arbeiten zu dürfen.» Ihre Geschichte zeigt, wie aus einer anfänglichen Hilfsbereitschaft eine tiefe Verbundenheit entstehen kann – und dass Geben oft genauso bereichert wie Nehmen.

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«Wir wünschen uns, dass wir für alle Gäste gleichermassen eine Atmosphäre schaffen können, die ihnen ein bisschen das Gefühl gibt, "nach Hause zu kommen".»

Barbara Leuthold, Co-Leiterin Pfuusbus

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Seit 2015 arbeitet Barbara Leuthold als Betreuerin im Pfuusbus, seit der Saison 2023 als CoLeiterin.

Barbara, wie bist du zum Pfuusbus gekommen?
Als junge Frau hatte ich mich früh selbständig gemacht und mit meinem Bruder zusammen ein Personalvermittlungsbüro betrieben. Zugunsten meiner Kinder habe ich mich dann aber aus dem Erwerbsleben zurückgezogen und war Familienfrau. Als die drei ausgeflogen waren, wollte ich mich in der Gesellschaft anders nützlich machen und suchte über Benevol eine Freiwilligenbeschäftigung. Ich fand den Pfuusbus und habe gleich mein Herz an ihn verloren.

Hattest du keine Berührungsängste?
Nein. Ich liebe Menschen. Und weil ich während vieler Jahre im Kreis 4 gelebt hatte, war mir schon einigermassen bewusst, worauf ich mich da einlasse. Vor meiner ersten Nacht im Pfuusbus hatte ich dann aber doch etwas weiche Knie.

Lerntest du Pfarrer Sieber noch persönlich kennen?
Der Pfarrer kam zu Beginn noch regelmässig in den Pfuusbus. Sein Charisma und seine unkomplizierte Art beeindruckten mich schwer. Ich zolle ihm grössten Respekt für sein Herz für Menschen, die von der Gesellschaft am liebsten übersehen werden. Mich beeindruckt, wie sehr Obdachlose ihn auch heute, fünf Jahre nach seinem Tod, noch immer verehren.

Was hat sich seit deinem Einstieg im Pfuusbus verändert?
Waren unsere Gäste zu Beginn vor allem drogen- und alkoholsüchtig, gibt es heute auffallend mehr psychisch Erkrankte. Die gegenseitige Toleranz ist kleiner geworden. Fühlten sich unsere Gäste früher der grossen Pfuusbus-Schicksalsgemeinschaft zugehörig, bilden sich jetzt mehr Untergruppen. Das führt zu Konflikten und stellt uns Betreuende vor neue Herausforderungen. Wir wünschen uns, dass wir für alle Gäste gleichermassen eine Atmosphäre schaffen können, die ihnen ein bisschen das Gefühl gibt, «nach Hause zu kommen».

Was ist besonders an der fast schon legendären, guten Pfuusbus-Atmosphäre?
Niemand veranschaulicht dies besser als die Menschen, die trotz eines eigenen Zimmers irgendwo in der Stadt lieber im Pfuusbus übernachten wollen, weil sie hier nicht allein sind und Geborgenheit finden. Ein obdachloser Gast sagte mir einmal: «Auf der Gasse stirbst du nicht an Drogen oder Alkohol, sondern an Einsamkeit!» Diesen Satz habe ich nie vergessen. Darum muss unsere Anstrengung dahin gehen, diese Atmosphäre auch unter veränderten Bedingungen immer wieder aufs Neue zu schaffen und zu pflegen.

Der Betreuungsalltag ist herausfordernd. Ist er auch heiter?
Heiter ist es im Pfuusbus oft. Ich lache viel. Wer hier arbeitet, muss Menschen gern haben und mit Herzblut bei der Sache sein. Leider muss man sich auch mal unbeliebt machen und Regeln durchsetzen. Entschädigt wird man aber meist später mit Akzeptanz und aufrichtiger Dankbarkeit. Mir liegt Gemütlichkeit am Herzen. Letzte Saison ergriff das Schachfieber den Pfuusbus. Sogar Turniere wurden ausgetragen. Für mich gab es schon Winter, da habe ich fast jeden Abend einen Jass geklopft.

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«Ich weiss, wie hoffnungslos Drogensüchtige leben. Deshalb will ich ihnen als lebendiges Gegenbeispiel Hoffnung geben.»

Matti, ehem. Patient Sune-Egge, heute Gassenarbeiter

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Mehrmals dachte Matthias in seiner dunkelsten Zeit als Obdachloser und Drogensüchtiger an Suizid. Heute ist er drogenfrei und dankbar. Dazwischen liegt ein Wunder, das er sich selbst nicht erklären kann.

Das WC als Ort der Entscheidung
«20 Jahre lang war ich schwer drogensüchtig. Ich hatte Hepatitis A, B und C, am ganzen Körper Abszesse, offene Wunden, meine Leber war kaputt – ich war ein Wrack. Ich nahm Drogen, Alkohol, verübte Einbrüche und Raubüberfälle, musste wiederholt ins Gefängnis – und war obdachlos, ziellos, von der Sucht getrieben. Mehrmals wollte ich mir das Leben nehmen. Es hatte ja alles keinen Sinn. Zahllose Entzüge mündeten in erneute Abstürze. Alles war so aussichtslos. Dabei hatte mein Leben gut angefangen. Zusammen mit zwei Brüdern wuchs ich behütet auf. Doch als ich 12 war, trennten sich meine Eltern. Das war für mich unfassbar. Im Kiffen, später den harten Drogen, suchte ich die Geborgenheit, die mir plötzlich fehlte. Über meine Mutter fand ich dann zwar in einer Freikirche zum Glauben. Dennoch ging es bergab. Nach der Lehre im Verkauf stürzte ich vollends ab. Ich erlebte den Letten und begegnete dort Pfarrer Sieber und seinen Leuten. Aber die Sucht hatte mich völlig in ihrem eisernen Griff. In meinem Elend erwog ich mehrmals, mir das Leben zu nehmen. Zum Glück tat ich es nie. Denn ich hätte das Wunder nicht erlebt, das bei einem meiner Aufenthalte im Spital Sune-Egge geschah.

Der erste Schritt war nicht der schwierigste
Als ich zum x-ten Mal in den Sune-Egge eingeliefert wurde, geschah es. Es war mir gelungen, unbemerkt Kokain ins Spital zu schmuggeln. Als ich im Zimmer das Säckchen in der Hand hielt, sagte mir eine innere Stimme, dass ich es nicht konsumieren sollte. Ich rang mit mir und entschloss mich dann, mich einem Pfleger anzuvertrauen. Dieser hörte mir zu und ging dann mit mir zur Toilette. Dort hiess er mich, das Pulver zu entsorgen und hinunterzuspülen. Mein Verlangen nach dem Stoff war zwar gross, doch schliesslich brachte ich es fertig, das Gift zu entsorgen. Von diesem Moment an rührte ich nie mehr harte Drogen an. In meinem Kopf hatte es «klick» gemacht.

Vom Abbau zum Aufbau
Nun war für mich klar, dass ich nach den harten Drogen und dem Alkohol auch das Methadon, die Benzos und das Rauchen loswerden wollte. In den folgenden Jahren baute ich – gegen den Widerstand der Ärzte, die das als zu gefährlich erachteten – meinen Methadonkonsum ab. Ich schaffte es. Seit drei Jahren bin ich gänzlich clean. Das Wunder des Sune-Egge war jedoch noch nicht vorbei. Als mich die Ärzte später untersuchten, hatte ich keine Hepatitis mehr! Warum das so ist, wissen sie nicht. Für mich ist klar, dass es Christus war, der mich heilte, weil Christen für mich gebetet hatten. Ich bin gesund und dankbar dafür. Und weil ich weiss, wie hoffnungslos Drogensüchtige leben, will ich ihnen nun als lebendiges Gegenbeispiel Hoffnung geben. So mache ich heute freiwillig Gassenarbeit. Ich gehöre auf die Gasse – jetzt einfach anders.

Von meinem Glauben erzählen
Einmal wöchentlich besuche ich als Ehemaliger die Andachten im Sune-Egge. Wenn es gefragt ist, ermutige ich die anwesenden Patienten, an die Wende im Leben zu glauben. Ich habe es geschafft, also können es auch andere. Vielen macht meine Geschichte Eindruck. Gläubig sind zwar die wenigsten. Aber selbst hartgesottene Atheisten fragen mich nach der Rolle meines Glaubens. Da erzähle ich dann von meiner Überzeugung. Das gibt gute Gespräche. Und es bereit mir auch keine Mühe, einen Atheisten von Herzen zu umarmen. Ganz wie mein Vorbild Pfarrer Sieber.»

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«Ich blicke stets nach vorn.»

Dani, Patient Sune-Egge

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Dani wuchs in Heimen statt bei seiner Mutter auf. Andere wären daran zerbrochen – ihn hat diese Erfahrung abgehärtet.

Ich habe früh gelernt, mit widrigen Umständen klarzukommen. Meine Mutter war bei meiner Geburt erst 17. Sie war mit mir überfordert. So kam ich zunächst zu Pflegeeltern, später in verschiedene Heime. Hier lernte ich rasch, dass ich im Leben nichts geschenkt bekomme. Ich musste mich für meine Haut wehren, sonst wäre ich unter die Räder gekommen. Die Gruppendynamik im Heimalltag war schwierig. Diese Erfahrung hat mich abgehärtet. Ich wurde schneller erwachsen, als wenn ich in einem behüteten Familienumfeld aufgewachsen wäre, davon bin ich überzeugt. Ob mich dies wehmütig stimmt? Nein. Ich blicke stets nach vorn. Der Blick zurück bringt nichts, weil er nichts ändert.

Ich bin mir bewusst, dass einiges in meinem Leben schiefgelaufen ist, wohl auch deshalb, weil ich nie jemanden hinter mir hatte, der sich bedingungslos für mich einsetzte. Aber ich mache niemanden dafür verantwortlich. Selbst meine mehr als fünf Jahre Haftstrafen in meinem 43-jährigen Leben nehme ich gelassen hin. Ich habe sie mir im Wesentlichen selbst eingebrockt. Ich akzeptiere sie. Ironie meiner persönlichen Geschichte: Als Knabe wollte ich Polizist oder Anwalt werden. Gelandet bin ich auf der anderen Seite.

Mein unstetes Leben führte mich nicht nur in Gefängnisse, sondern auch auf die Strasse. Gut zwei Jahre meines Lebens war ich obdachlos. Ich übernachtete unter anderem im Pfuusbus, wo ich Pfarrer Sieber kennenlernte. Auch sonst nutzte ich das eine oder andere Hilfsangebot seines Sozialwerks. So wohnte ich fünf Jahre in Brothuuse. Und jüngst erholte ich mich nach einer wüsten Verbrennung, die ich mir beim Kochen mit siedendem Öl geholt hatte, im Sune-Egge von der Operation. Ich bin dankbar, dass ich heute ein Zimmer in einem Betreuten Wohnen habe. Das verschafft mir Ruhe.

Träume habe ich nicht. Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe. Das heisst: Einen kleinen Traum habe ich – einen Hund. Ich weiss, dass ich es gut mit Hunden kann und denke, dass er mir gut täte. Aber ernsthaft kommt ein Haustier für mich erst in Frage, wenn mein rechter Arm wieder gesund ist.» 

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«Einen Weg zu mir habe ich gefunden. Weil meine Kinder, Pfarrer Sieber und seine Leute mich nie fallen liessen.»

Luis, ehemaliger Besucher Pfuusbus

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Entwurzelung führte Luis in die Sucht.

«Die Nachricht von Pfarrer Siebers Tod erschütterte mich zutiefst. Ich war am Tiefpunkt angelangt: drogensüchtig und ohne Kontakt zu meinen Kindern, meinem Vater und meiner Grossmutter. Der Pfarrer, so nannten wir Ernst Sieber, war für mich ein Leuchtturm gewesen.

Mit seinem Tod wurde mir bewusst, dass ich nicht nur für mich lebte, sondern auch für andere. Das hatte mir der Pfarrer immer wieder gesagt. Im Pfuusbus spürte ich jeweils, was er meinte. Und es steht dort noch heute in grossen Buchstaben: «Du bisch nöd eläi!» Aber gell, wenn du grad auf einem Drogentrip bist, prallt vieles einfach an dir ab.

Geboren wurde ich in Angola als Sohn eines Portugiesen und einer Angolanerin. In den Wirren des angolanischen Unabhängigkeitskriegs musste mein Vater 1974 Hals über Kopf fliehen. Ich wurde von meiner Mutter getrennt, was traumatisch war. Als 5-Jähriger kam ich in ein mausarmes Nest im Hinterland von Portugal, wo mich meine Grosseltern unter ihre Fittiche nahmen. Zehn Jahre später holte mich mein Vater nach Zürich. Wieder wurde ich ungefragt von einem geliebten Menschen, meiner Grossmutter, getrennt. Die pulsierende Stadt Zürich war für mich als 14-Jähriger ein Kulturschock. Dass es mir, der kein Deutsch sprach, nicht einfach gemacht wurde, kann man sich wohl vorstellen. Ich war ein Niemand, in einer Integrationsklasse mit lauter Ausländern. Im Kreis 4 konnte ich später eine Lehre als Verkäufer für Musikinstrumente machen. Da kam ich mit Kiffen und anderen Drogen in Kontakt.

Zu Beginn der 1990er-Jahre lernte ich meine erste Frau kennen und zog zu ihr ins Zürcher Oberland. Die Geburt unserer Tochter überforderte uns beide. Ich stürzte erstmals komplett ab. Aus drei weiteren Beziehungen stammen drei weitere Kinder, zu denen ich emotional zunächst kaum Kontakt aufbauen konnte, weil mich die Sucht absorbierte.

Es war die Liebe meiner Kinder, die mir Kraft gab. Nach einem kalten Drogenentzug, einer grausamen Tortur, schaffte ich die Abstinenz. Heute arbeite ich mit einem 80-Prozent-Pensum in einem Arbeitsintegrationsprojekt. Ich begann, mich mithilfe einer Therapeutin mit meiner Vergangenheit zu beschäftigen. Das Rote Kreuz hilft mir bei Nachforschungen über meine Mutter. Wenn ich genügend Hinweise habe, will ich sie in Angola suchen. Ob ich sie finde, weiss ich nicht. Einen Weg zu mir selbst habe ich gefunden.»

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«Mich freut am meisten, wenn ich bei jemandem Interesse oder gar Leidenschaft für etwas Kreatives wecken kann.»

Heike Warta, Arbeitsagogin im Schärme

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«Mich freut am meisten, wenn ich bei jemandem Interesse oder gar Leidenschaft für etwas Kreatives wecken kann», sagt Arbeitsagogin Heike Warta. Viele sind selbst für einfache Beschäftigungen zu krank und schwach oder einfach antriebslos. «Umso schöner sind Momente wie jener, als ein Bewohner, der eigentlich nichts mit kreativem Arbeiten am Hut hatte, sich fürs T-Shirt-Bedrucken erwärmen konnte und schliesslich täglich top motiviert ins Atelier kam und stundenlang arbeitete«, strahlt sie. «Die Arbeit erfüllte ihn mit Stolz und Freude.» .

Bevor Heike zum Sozialwerk von Pfarrer Sieber kam, war sie während 21 Jahren in Institutionen für Menschen mit geistigen oder psychischen Beeinträchtigungen tätig. Im Schärme-Atelier leitet sie die suchtkranken Bewohner an beim Töpfern, Nähen, Malen, Airbrushen, Specksteinschleifen oder Bemalen von Trinkflaschen und T-Shirts. «Eigentlich bei allem, was das Herz begehrt», strahlt die fröhliche Schafferin, die in ihrer Freizeit gerne an Flüssen und Seen unterwegs ist, beim Spazieren, Grillen und Chillen. 

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«Für mein Zimmer in Brothuuse bin ich sehr dankbar. Die Einrichtung bietet mir ein Fundament, auf dem ich meine Zukunft planen und aufbauen kann.»

Pascal, Bewohner Brothuuse

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In der Notwohnsiedlung Brothuuse kommt Pascal nach einer schweren persönlichen Krise wieder auf die Beine.

Nach meiner vierjährigen Lehre als Siebdrucker probierte ich verschiedene Jobs aus: Ich arbeitete in Restaurants als Servicefachkraft und half im Gartenbau aus. Vor etwas mehr als zwei Jahren gab ich dann meine eigene Wohnung auf, um bei meiner Freundin einzuziehen. Kurz darauf wurde sie schwanger. Doch die anfängliche Freude des Vaterglücks verwandelte sich schnell in eine schmerzhafte Enttäuschung, als sich herausstellte, dass ich nicht der leibliche Vater des Kindes war.

Diese Erfahrung warf mich aus der Bahn und ich zog vorübergehend in ein Hotelzimmer. Später lebte ich in einer Wohnung über einem Restaurant, das aufgrund der Corona-Pandemie vorübergehend geschlossen war. Bald darauf stellte dieses seinen Betrieb dauerhaft ein und ich stand auf der Strasse. Vom Sozialamt wurde mir ein Beistand empfohlen, der mir half, in einer sozialen Einrichtung unterzukommen. Fündig wurde ich beim Sozialwerk Pfarrer Sieber, wo ich innert kürzester Zeit ein Zimmer in der Notwohnsiedlung Brothuuse erhielt.

Hier fand ich endlich wieder ein Zuhause. Das Verhältnis in meiner Siebner-Wohngruppe ist kollegial. Wir kochen zusammen, kümmern uns um den Garten und haben ein offenes Ohr füreinander.

In meiner Freizeit bin ich oft mit meiner treuen vierbeinigen Begleiterin Gürkli unterwegs. Meistens fahren wir mit den öffentlichen Verkehrsmitteln an den Zürisee oder in die Allmend beim Sihlcity, da Hunde dort von der Leine dürfen. Gerne würde ich noch mehr unternehmen, aber oft lässt es sich nicht mit der Hundebetreuung vereinbaren. Am Sonntag besuche ich regelmässig den Gottesdienst in einer Freikirche.

Mein Glaube gibt mir Halt und Kraft auf meinem Lebensweg. Obwohl meine eigenen Mittel bescheiden sind, ist es mir wichtig, etwas zurückzugeben; das deckt sich mit den Werten meines christlichen Glaubens. Deshalb engagiere ich mich jeden Dienstag bei einem sozialen Dienst, der Suppen für Bedürftige und Geflüchtete zubereitet.

Für mein Zimmer in Brothuuse bin ich sehr dankbar. Die Einrichtung bietet mir ein Fundament, auf dem ich meine Zukunft planen und aufbauen kann. Gerne würde ich wieder arbeiten und selbst für meinen Unterhalt aufkommen. Doch meine psychische Beeinträchtigung lässt das nicht zu, weshalb ich eine Invalidenrente beantragte. Vor kurzem habe ich mich bei der Stadt für eine Sozialwohnung angemeldet, mit dem Ziel, in die Selbständigkeit zurückzukehren. Zusammen mit Gürkli an meiner Seite und irgendwann auch mit einer eigenen Familie.

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«Ich packte meine Sachen und entschied mich, unter der Brücke beim Letten zu leben. Dort lernte ich zum ersten Mal das Sozialwerk Pfarrer Sieber kennen.»

Pierre, Hausdienst bei der Anlaufstelle Brot-Egge

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Die Füsse hochzulagern, ist nichts für Pierre (Name geändert). Trotz seines Alters sorgt er engagiert für Ordnung und Sauberkeit in der Notschlafstelle Iglu und in der Anlaufstelle Brot-Egge.

Von Montag bis Freitag widme ich meine Vormittage im Iglu der Reinigung der Toiletten und Böden. Nach der Mittagspause putze ich im Brot-Egge. Auch während der Nacht bleibe ich auf Abruf und bin innert weniger Minuten vor Ort, wenn meine Hilfe benötigt wird. Der Winter bringt oft eine grössere Zahl an Gästen mit sich. Das bedeutet, dass es auch mehr zu putzen gibt. Der Mehraufwand macht mir jedoch nichts aus. Selbst bei hartnäckigen Verschmutzungen scheue ich mich nicht davor, eine Zahnbürste zur Hand zu nehmen, um dem Schmutz auch im unzugänglichsten Winkel den Kampf anzusagen.

Mein Weg ins Iglu führte über mehrere Stationen. Ursprünglich studierte ich Geschichte und Politikwissenschaften und arbeitete anschliessend während 30 Jahren in der Sicherheitsbranche. Das Ende meiner Karriere folgte, als ich mit einem neuen Vorgesetzten konfrontiert wurde, der die alte Garde loswerden wollte. Meine Einsatzzeiten reduzierten sich kontinuierlich, bis ich schliesslich vor der Frage stand, wie ich meine Rechnungen bezahlen sollte.

Mit über 50 Jahren und zunehmenden Schwierigkeiten, eine neue Stelle zu finden, musste ich einen Ausweg finden und meldete mich beim Sozialamt. Der Plan scheiterte, als mir das Amt keine rasche Unterstützung zusprechen konnte. Ich war enttäuscht und fühlte mich im Stich gelassen. Eine andere Lösung musste her. Ich packte meine Sachen und entschied mich, unter der Brücke beim Letten zu leben. Dort lernte ich zum ersten Mal das Sozialwerk Pfarrer Sieber kennen. Einer seiner Seelsorger wies mich auf den Pfuusbus hin, der Obdachlosen Hilfe bietet. Zu meiner Freude wurde mir im Albisgüetli nicht nur ein Schlafplatz angeboten, sondern auch eine Beschäftigung als Platzwart für eine Saison. Ohne zu zögern, nahm ich das Angebot dankbar an. Nach jener Saison durfte ich meine Dienste im Brot-Egge fortsetzen, wo ich bis heute für den Hausdienst zuständig bin.

Ich habe mich mit meiner aktuellen Situation arrangiert und bin zufrieden mit meinem Leben. In meinem Alter lastet nicht mehr dieselbe Bürde unerfüllter Möglichkeiten auf meinen Schultern wie in jüngeren Jahren. Meine Aufgaben erledige ich mit einer Selbständigkeit, die mir keiner streitig macht. Und die Zusammenarbeit mit meinen Kollegen funktioniert reibungslos. Mit den Gästen führe ich gelegentlich Gespräche, obwohl Sprachbarrieren eine vertiefte Verständigung erschweren. Einen Ausgleich zur Arbeit finde ich in der Natur oder beim Kochen. Insbesondere die Spaziergänge im Wald bedeuten mir viel. Wenn man den ganzen Tag die gleichen Gesichter sieht, bringen Bäume und Pflanzen eine willkommene Abwechslung.

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«Unser Ziel in der Anlaufstelle Brot-Egge ist es, Menschen in Not rasch und unbürokratisch zu helfen.»

Karin, Betreuerin im Gassencafé Sunestube

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Seit gut drei Jahren arbeitet Karin als Betreuerin im Gassencafé Sunestube. «Ich erfahre täglich von schwierigen Lebenssituationen – und habe grossen Respekt vor unseren Gästen. Sie beissen sich durch und haben den Humor trotz allem nicht verloren.»

Letzteres erlebt sie vor allem an den Spiel- oder Kreativnachmittagen, beim gemeinsamen Singen oder auch beim Gemüserüsten. Oftmals erfüllt Lachen die Sunestube. Jüngst beobachtete sie einen Gast, wie er vor der Sunestube auf Passanten zuging und ihnen ungefragt erzählte, dass die Sunestube sein Daheim sei.

Die ausgebildete Sozialdiakonin sagt, dass ihr bei der Arbeit immer wieder bewusst werde, wie wenig es brauche, um aus dem Tritt zu geraten. «Unsere gesellschaftliche Normalität ist sehr fragil. Wir in der Sunestube dürfen ein wenig Stabilität schaffen.» 

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«Dass sich medizinisches Personal rührend um ein solches Problem eines Patienten kümmert, ist aussergewöhnlich. Dafür schätze ich die Sieber-Leute sehr.»

René, rührt seit über 23 Jahren kein Heroin mehr an

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René blickte als Heroinsüchtiger in Abgründe. 

«Aufgewachsen bin ich in der Ostschweiz. Mein Vater war hart zu sich und uns. Meine Mutter litt darunter ebenso wie mein Bruder und ich. Ich war ein aufgeweckter Bub, der sich für vieles interessierte. So stibitzte ich meiner Mama schon als Primarschüler erstmals eine Zigarette. Das Kribbeln und das Gefühl des leichten Schwindels beim Inhalieren faszinierten mich. Bald hatte sich mein Körper daran gewöhnt. Ich brauchte anderes, um dieses Gefühl wieder zu erleben. So rutschte ich in die Drogen, nahm schliesslich Heroin. Ob ich es bereue? Ich rate allen, die Finger davon zu lassen. Die Sucht ist stärker als du es bist. Meist gibt es keinen Weg zurück, und du verlierst deine Unabhängigkeit komplett. Aber als junger Mensch musst du die Freiheit haben, Dinge auszuprobieren. Sonst lernst du nichts. Wie auch immer, nach meiner Lehre als TV-Verkäufer rutschte ich vollends in die Drogensucht ab.

Vom Heroin los kam ich vor 23 Jahren: Ich war mit Geld in der Tasche auf dem Weg zum Arzt, als ich einen Kumpel antraf, der mit einem Hundewelpen unterwegs war. Im Verlauf unseres Gesprächs sagte mein Kumpel plötzlich, er brauche jetzt einen Schuss. Ich blickte in die traurigen Augen des kleinen Hundes und wusste sofort, was ich zu tun hatte. Ich gab dem Kumpel mein Arztgeld und nahm den Hund in die Arme. Gleichzeitig war mir klar: Wenn ich weiter Heroin nehme, wird der Hund verwahrlosen oder gar verhungern. Von diesem Tag an rührte ich Heroin nicht mehr an.

Dass ich es schaffte, habe ich aber wohl Pfarrer Sieber zu verdanken. In mein Leben trat er zu Beginn der 90er-Jahre. Damals hörte ich, dass er Süchtige zu einer Landsgemeinde aufs Rütli eingeladen hatte und er die Fahrt dahin bezahlen würde. Ich dachte mir zunächst: Ein Pfarrer, der sowas macht? Ich konnte es nicht fassen. Neugierig fuhr ich hin und begegnete Ernst erstmals. Wie er mit uns sprach, war einmalig. Tief berührte mich, als er mir zum Abschied sagte: Bhüet di Gott! Ich war nicht gläubig, aber diese Begegnung löste in mir etwas aus. Ich fand inneren Frieden und Dankbarkeit für die kleinen Schönheiten des Lebens. Mir wurde klar, dass ich das Leben nicht wegwerfen, im Dämmerzustand an mir vorbeiziehen lassen wollte.

Mit Chili, meinem dritten Hund, lebe ich heute glücklich in einer Überbauung in Zürich-Nord. Es freut mein Herz zu sehen, wie die Kinder auf dem Spielplatz mit Chili spielen. Was mich auch sehr berührt: Der gute Geist von Pfarrer Sieber lebt in seinen Einrichtungen fort. Das erlebte ich eindrücklich, als ich jüngst für eine längere Zeit in das Spital Sune-Egge einrücken musste. Wo bloss sollte ich Chili während dieser Zeit unterbringen? Ich war in grosser Sorge, wusste keine Lösung. Wie sich dann die Pflegerinnen, ja sogar ein Arzt persönlich um das Problem kümmerten, haute mich fast aus den Socken. Sie zogen gar in Erwägung, meine geliebte Chili abwechselnd bei sich zuhause aufzunehmen. Schliesslich fanden sie über die Gassentierärztin von Pfarrer Sieber eine Hundepension. Dass sich medizinisches Personal rührend um ein solches Problem eines Patienten kümmert, ist aussergewöhnlich. Dafür schätze ich die Sieber-Leute sehr.» 

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