Anderen zu helfen, macht mich glücklich
Nach einer Zeit voller gesundheitlicher und persönlicher Rückschläge fand Marcos im Brot-Egge neuen Halt. Heute engagiert er sich für Menschen in Not und gibt die erfahrene Hilfe weiter.
«Manchmal beginnt ein neuer Weg genau in dem Moment, in dem man glaubt, am Ende zu sein. Als ich vor 17 Jahren für meine damalige Liebe in die Schweiz kam, war ich voller Hoffnung. Wir hatten uns in London kennengelernt, geheiratet und wagten zusammen den Schritt in ein gemeinsames Leben. Meine Arbeit auf dem Bau, das Eheleben und unsere Wohnung gaben mir das Gefühl, angekommen zu sein. Die Scheidung traf mich tief, und ich sass allein in einer Wohnung, die finanziell und emotional kaum zu stemmen war.
Ein paar Jahre schlug ich mich durch, bis ich einen Band-scheibenvorfall erlitt, der eine Operation erforderte. Der Eingriff brachte zwar Besserung, doch meine Arbeit auf dem Bau konnte ich nicht mehr ausüben. Ohne Arbeit und nach einer weiteren Operation rutschte ich immer weiter in Schwierigkeiten. Die Mietkosten wurden untragbar, aber trotz intensiver Suche fand ich keine neue Bleibe. Schliesslich musste ich die Wohnung aufgeben, und mir blieb nur der Gang in die Notschlafstelle. Diese Tatsache machte mir bewusst, dass mein Leben an einem Tiefpunkt stand und es um mein Überleben ging. Zugleich war es der Augenblick, in dem ich beschloss, nicht aufzugeben. In der Notschlafstelle hörte ich zum ersten Mal von der Anlaufstelle Brot-Egge, wo viele tagsüber eine warme Mahlzeit und Schutz vor der Kälte fanden. Während den folgenden fünf Monaten bestand mein Alltag darin, nachts die Notschlafstelle und tagsüber den Brot-Egge aufzusuchen. Diese Routine war für mich eine Notlösung, aber sie bedeutete für meine Situation eine wichtige Stütze, um nicht noch tiefer zu fallen und stattdessen wieder auf die Beine zu kommen.
In dieser Zeit merkte ich, wie viele Menschen in Zürich ohne Obdach leben. Und wie überlebenswichtig jede offene Tür ist. Ich wollte aber nicht nur empfangen. Ich wollte auch etwas zurückgeben. Als mir eines Tages im Brot-Egge die Möglichkeit zur Mithilfe angeboten wurde, musste ich nicht lange überlegen und sagte sofort zu. Seither bereite ich zweimal pro Woche das Essen für rund 80 Gäste beim Buffet vor und unterstütze an zwei weiteren Tagen die Essensabgabe der Schweizer Tafel. Diese Arbeit erfüllt mich zutiefst. Nicht nur, weil ich wieder eine sinnvolle Aufgabe habe, sondern weil ich Menschen in Situationen begegne, die ich selbst kenne. Oft ist es ein Gespräch, ein Lächeln oder ein Moment echten Interesses, die jemanden wieder ein Stück näher an die Hoffnung bringt.
Vor kurzem habe ich wieder eine Wohnung gefunden. Mein eigenes Zuhause gibt mir den Halt und Mut, den ich für meinen weiteren Weg brauche. Zurück auf den Bau möchte ich nicht mehr. Meine Zukunft sehe ich dort, wo ich Menschen unterstützen kann, die sich in Notsituationen befinden. Das Team im Brot-Egge arbeitet jeden Tag mit enormem Herzblut, und ich bin dankbar, heute ein Teil davon zu sein. Jetzt möchte ich weitergeben, was ich selbst erfahren durfte. Nämlich, dass ein offenes Herz und rasche Hilfe manchmal alles verändern können.»
• aufgezeichnet von Michael Rohrbach, freier Mitarbeiter