Freiwilligenarbeit ist Nächstenliebe

Sich bei unseren Freiwilligen zu bedanken, ist nicht einfach. Sie sind derart aussergewöhnlich, dass das Aussergewöhnliche für sie normal ist.

«Ist doch klar, höre ich oft. Oder «Das mache ich gern!», gefolgt von einer strahlenden Anekdote aus der jüngsten Zeit. Oder auch nur ein liebevolles Abwehren und der Verweis, dass sie jetzt dringend wieder an die Arbeit muss.  

Unsere Angebote wären ohne die vielen Freiwilligen, die sich bei uns auf verschiedene Weise  für Menschen in Not engagieren, nicht denkbar. Sie leisten nicht nur in unseren Betrieben einen entscheidenden Beitrag. Sie prägen gleichzeitig das Wesen unseres Werks. In ihrem freiwilligen Engagement sind sie ein entscheidendes Bindeglied zu einer Zivilgesellschaft, die die Schwächsten in ihre Mitte nimmt. Sie verkörpern so den Gedanken eines Miteinanders, das Nächstenliebe nicht delegiert, sondern bei dem man füreinander einsteht – jede und jeder nach den eigenen Möglichkeiten. Sie stehen für die einfache, aufrichtige Begegnung von Mensch zu Mensch, in der so viel Heilung liegen kann und auf deren Grundsatz unser Werk gründet.

Den Pfuusbus etwa gäbe es nicht, würden ihm nicht Winter für Winter Menschen ihre Abende, ihre Nächte und den ganz frühen Morgen schenken, wenn die Welt eigentlich noch schläft. Im Pfuusbus ist es dann schon trubelig, Freiwillige schneiden Zopf und stellen Konfi und Butter auf den Tisch, schauen nach denen, die noch schlafen und trösten die Verzagten.

Es ist eine bunte Gesellschaft an Gästen, die den Pfuusbus zum Übernachten aufsucht, und ein paar Originale hat es fast immer dabei. Da ist vielleicht einer, der lauthals einen Fussballmatch kommentiert, den nur er sehen kann, oder jemand, der zwar ganz harmlos, aber trotz Minusgraden auch unübersehbar halbnackt vor dem Zelt herumstapft. Oder vielleicht eine Frau, die gleich den Prinzen von Nigeria am Flughafen treffen wird, der ihr per E-Mail ein grosses Vermögen versprochen hat.

Wenn neue Freiwillige am Anfang berechtigterweise etwas verunsichert sind, wie sie sich in solchen Situationen verhalten sollen, hat die Leiterin unseres Pfuusbus eine einfache Wegleitung: «Eifach normal sii». Einander einfach von Mensch zu Mensch zu begegnen.

Unsere Freiwilligen bringen diese Normalität ganz selbstverständlich mit ins Zelt, in die Gassenküche, in die Notwohnsiedlung. Unbefangen stellen sie sich unseren Gästen vor, erzählen von Projekten in ihrem Beruf oder in der Ausbildung, vielleicht sind sie bei der Anfahrt im Stau gesteckt: Ganz normale Themen eben. Unsere Gäste dürfen sich in diesen Begegnungen für einen Moment ausruhen, ein wenig von dieser Normalität borgen. Sie nehmen im wörtlichen Sinn Anteil und werden abgelenkt von den Themen, die ihr Leben auf der Gasse prägen.

Es sind Begegnungen auf Augenhöhe, die zeigen, was sein könnte, indem das Gegenüber ernst- und wahrgenommen wird. Es sind Gespräche, die vom Vertrauen ins Miteinander anstelle von Suchtdruck oder der Suche nach einem sicheren Schlafplatz geprägt sind. Für einen Moment dürfen Betroffene so einfach Teil werden von etwas, was sonst häufig unerreichbar scheint: Teil von einem ganz normalen Leben, in dem man einander Sorge trägt. Ich werde nicht aufhören, zu versuchen, unseren Freiwilligen zu danken. 

• Friederike Rass, Gesamtleiterin