Ich biete ein offenes Ohr und urteile nicht
Auf der Gasse und in unseren Einrichtungen begegnen unsere zwei Seelsorgerinnen und unser Seelsorger täglich Menschen mit tragischen Schicksalen. Pfarrerin Corinne Dobler erzählt.
Corinne, mit welchen Themen bist du in deiner Arbeit mit Obdachlosen und Suchtkranken immer wieder konfrontiert?
Allgemeine Aussagen kann ich da kaum machen. Jede Geschichte ist anders. Es fällt mir aber auf, dass mir oft psychische Not, Vereinsamung und Perspektivlosigkeit begegnen. Vor allem bei älteren Obdachlosen. Die Gasse macht krank und einsam. Psychisch Angeschlagene fühlen sich oft von der ganzen Welt verfolgt. Aufgrund ihrer Erfahrungen sehen sie überall Menschen, die ihnen Schlechtes wollen. Andere verzweifeln am Weltgeschehen, verlieren den Lebensmut. Aber es gibt auch anderes. Bei jungen Obdachlosen etwa stelle ich fest, dass sie durchaus noch Träume von einer eigenen, funktionierenden Familie, einer Wohnung, einem Beruf haben, aber nicht wissen, wie sie dahin kommen. Leider sind Alkohol und Drogen bei allen Obdachlosen weit verbreitete Mittel, um Traumata sowie die eigene Orientierungs- und Hilflosigkeit zu ertragen.
Wie häufig geht es um Grundfragen des Lebens: Wer bin ich? Wohin gehe ich? Was hat das alles für einen Sinn? Gibt es Gott? Warum lässt Er das alles zu?
Ich bin erstaunt, wie offen viele über ihre religiöse oder spirituelle Haltung sprechen. Wenn sie denn einmal die dringlichen Fragen nach dem nächsten Schlafplatz, Kleidung und Essen geklärt haben. Gerade junge Obdachlose. Oft komme ich da mit ihnen schnell in die Tiefe; das Gassenleben stellt zweifelsohne die existenziellen Fragen des Lebens. Erstaunt bin ich, dass viele Obdachlose trotz ihrer misslichen Lage und unzähligen Rückschlägen die Hoffnung und ein erstaunliches Gottvertrauen behalten haben.
Was kannst du diesen Menschen als Seelsorgerin bieten?
Ein offenes Ohr, ohne zu urteilen. Ich versuche, den Menschen zu helfen, ihr Gefühls- und Gedankenchaos zu sortieren, damit sie Ruhe und Klarheit finden. Und dann bete ich mit ihnen und segne sie, wenn sie dies wünschen.
Wird das oft gewünscht?
Wir alle im Seelsorgeteam sind erstaunt, wie häufig die sich uns Anvertrauenden gesegnet werden wollen und auf Gottes Kraft bauen. Oder wie kraftspendend die biblischen Geschichten in Gottesdiensten für sie sind.
Gibt es Momente, in denen du an Grenzen kommst?
Oh ja, Seelsorge ist für mich dann kräftezehrend, wenn das Gegenüber in einer verfahrenen Situation vereinnahmend und fordernd ist. Da bin ich froh, dass ich im Gebet um Hilfe und Weisheit bitten kann.
Du hörst täglich viel Leid. Wie kannst du bei Kräften bleiben, damit du Hilfesuchenden weiterhin mit offenem Ohr weiterhelfend und stärkend beiseite stehen kannst?
Für mich ist es gut, dass ich teilzeitlich hier und teilzeitlich in einem Gemeindepfarramt tätig sein kann. Das schafft Ausgleich. Kraft tanke ich in der Natur, beim Sport, bei Gesprächen mit Familie und Freunden. Kraft schöpfe ich auch aus der interdisziplinären Arbeit in der Stiftung. Es motiviert zu merken, dass wir alle mit unterschiedlichen Aufgaben für das gleiche Ziel arbeiten.
• Mit Corinne Dobler sprach Walter von Arburg
Corinne Dobler ist reformierte Theologin und zweifache Mutter. Im Militär war sie Kompaniekommandantin. Nebst ihrem Teilzeit-Pfarramt in Bremgarten (AG) ist sie seit 2020 als Seelsorgerin in unserer Stiftung tätig.