Ich schlafe am liebsten an einem Bahnhof
Eine unerwartete Wohnungskündigung stürzte den gelernten Hochbauzeichner Urs in die Obdachlosigkeit. In Pfarrer Siebers Fachspital rappelt er sich nun auf und sucht eine Wohnung.
«Dass ich eines Tages obdachlos sein würde, hätte ich mir nicht träumen lassen. Ich hatte ja in meinem Leben gearbeitet und das durchaus gerne. Zwar weniger auf meinem erlernten Beruf als Hochbauzeichner und auch nie in einer einträglichen Branche. So war ich unter anderem Zügelmann, Steinbildhauer und Lagerist. Und es gab auch eine Zeit, in der ich auf das Sozialamt angewiesen war. Aber weil ich genügsam bin, kam ich stets durch, und ich zahlte meine Steuern. Selbst, als mein Vermieter mir vor vier Jahren mitteilte, dass er das Haus renovieren und dafür allen Mietern kündigen müsse, dachte ich nicht, dass ich keine Ersatzwohnung finden würde. Es kam anders. Seither bin ich obdachlos.
Dass man mir dies nicht ansieht, hat wohl damit zu tun, dass ich mich pflege. Ich bin auch nicht dem Alkohol oder den Drogen verfallen und weiss mich zu beschäftigen. Wenn sich die Gelegenheit dazu bot, spielte ich früher leidenschaftlich Schach. Ich zeichne und lese gerne. Weil Anne Frank und ich am selben Tag Geburtstag haben, lese ich an diesem Tag wenn immer möglich in ihrem Tagebuch. Das habe ich mir zum Ritual gemacht. Wann immer sich die Gelegenheit bietet, bin ich mit meinem Generalabonnement in der Schweiz unterwegs. Dabei fällt mir immer schmerzlicher auf, wie rasant wir unser schönes Land zubetonieren. Weil die Züge nachts nicht fahren, hilft das GA aber nicht über die Obdachlosigkeit hinweg. Ich verbringe die Nächte am liebsten im Bahnhof Basel. Der ist nachts nicht geschlossen wie etwa der Zürcher Hauptbahnhof.
Das mag wenig dramatisch klingen. Das Obdachlosen-Dasein ist aber hart. Bisweilen habe ich Depressionen. Insgesamt komme ich aber gut mit mir aus. Ich bin kein Herdentier. Das hatte ich schon festgestellt, als sich meine Frau nach neun Ehejahren von mir trennte und zusammen mit unserer Tochter in ihr Heimatland Polen zurückkehrte.
Auch wenn die Obdachlosigkeit für mich kein Drama ist, suche ich eine Wohnung. Ich bin mit 75 schliesslich nicht mehr der Jüngste, und das Alter fordert seinen gesundheitlichen Tribut. So werde ich nach einem heftigen Sturz in einem Zürcher Tram und drei daraus resultierenden gebrochenen Rippen jetzt in Pfarrer Siebers Fachspital Sune-Egge medizinisch behandelt. Und weil man hier auch gleich noch ein anderes meiner Gebresten behandeln muss, verschafft mir dies Zeit, mich mit der Unterstützung von Pfarrer Siebers Sozialberatern voll der Wohnungssuche zu widmen. Die engagieren sich sehr. Wie überhaupt das Personal im Sune-Egge, in dem ich zum zweiten Mal bin – diesmal als Patient. Das erste Mal war ich in den 1990er-Jahren hier – als Koch. Ich erinnere mich noch gut an Pfarrer Sieber. Besonders beeindruckt hat mich sein Namensgedächtnis. Man brauchte ihm seinen Namen nur einmal zu sagen, und er wusste ihn fortan. Unglaublich!»
• aufgezeichnet von Walter von Arburg