Eine Wohnung bedeutet Ruhe, Schutz und Sicherheit
Yves hatte einen Beruf, eine Familie und ein Zuhause. Bis er innert Kürze alles verlor. Dank Pfuusbus und anderen Einrichtungen der Obdachlosenhilfe fand er wieder Boden unter den Füssen.
D«Das Schlimmste an der Obdachlosigkeit ist für mich die Kälte. Die winterliche Kälte in der Nacht. Die kriecht dir in den Schlafsack, in die Kleider, in die Knochen. Selbst nach Jahren und mit inzwischen reichlich Erfahrung auf der Gasse macht sie mir zu schaffen.
Und dann ist da die menschliche Kälte. Der kannst du auch tagsüber nicht entkommen. Dabei ist es nicht so, dass nur Nicht-Obdachlose zu dir als Obdachlosem auf Distanz gehen. Auch andere Gassenleute sind nur dann Freunde, wenn sie Geld brauchen oder etwas rauchen oder trinken wollen. Während meiner rund neun Jahre auf der Gasse wurde ich mehrfach bestohlen – meist von anderen Obdachlosen.
Und dennoch: Auf der Gasse erlebte ich auch, was vielen vergönnt bleibt. Auf der Gasse fand ich – vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben – einen echten Freund. Leider ist er vor drei Jahren verstorben. Mir kommen auch heute noch die Tränen, wenn ich an ihn denke und von ihm er-ähle. Er war so offen und ehrlich zu mir, wie ich es sonst noch bei keinem Menschen erfahren hatte.
Und ich bin nun doch schon 62, habe also einiges erlebt. Unter anderem hatte ich selbst eine Familie. Hatte. Nachdem unsere Ehe nach 18 Jahren scheiterte, brach der Kontakt zu meiner Ex und meinen beiden Söhnen komplett ab. Warum? Ach, es ist eine unschöne Geschichte, an deren Ende quasi als Schlussbouquet ein wüster Erbschaftsstreit stand. Dieser Streit zerstörte alles. Ich verlor nicht nur
meine Familie, sondern auch den Boden unter den Füssen. Denn ein Unglück kommt selten allein. Die harte Arbeit als Maurer auf dem Bau forderte mit den Jahren ihren körperlichen Tribut. Als ich mich dann noch schwer am Sprunggelenk verletzte, wurde mir gekündigt, und ich landete schliesslich mit 53 auf der Gasse.
Warum ich nicht zum Sozialamt ging? Ich bin zwar in Zürich geboren und aufgewachsen und rede Züritüütsch. Weil aber mein Vater vor meiner Geburt auf Nimmerwiedersehen nach Italien verduftete und meine Mutter somit andere Sorgen hatte, blieb ich auf dem Papier Italiener. Nun, nach einem schier endlosen Formularkrieg mit den Ämtern, bin ich endlich in Zürich angemeldet. Bis dahin musste ich mich mit «Mischeln» über Wasser halten, so heisst das Betteln im Obdachlosen-Jargon. Dabei wurde mir jeweils schmerzhaft bewusst, dass ich ganz unten angekommen war und nicht mehr dazu gehörte.
Das tat weh. Denn ich hatte zuvor ja mit harter Arbeit für mich und meine Familie gesorgt und mich damit durchaus für die Gesellschaft eingesetzt. Frustriert oder gar verbittert bin ich aber nicht. Ich bin ein positiver Mensch geblieben. Ich bin enorm dankbar, dass es hier Institutionen wie Pfarrer Siebers Pfuusbus und sein Fachspital Sune-Egge gibt. Nicht zuletzt wegen der Leute, die dort tätig sind, fand ich immer wieder etwas Menschlichkeit und Wärme. Wenn es mir gesundheitlich schlecht ging, wurde ich im Sune-Egge medizinisch betreut. Und im Pfuusbus erlebte ich viele schöne Begegnungen. Etwa mit Leiterin Barbara.
Ich bin froh, dass ich den einen oder anderen auch dann noch sehen werde, wenn ich jetzt hoffentlich bald in eine kleine Wohnung ziehen kann, die ich in Aussicht habe. Eine Wohnung bedeutet mehr als vier Wände. Sie bedeutet Ruhe, Schutz und Sicherheit. Menschen, die eine Wohnung haben, sollten dafür dankbar sein.»
• aufgezeichnet von Walter von Arburg